Junge Menschen zu Gast im Nagra Infopavillon in Windlach/Stadel. Sie schauen sich zusammen das Tiefenlagermodell an.

Die Schweiz blickte nach Stadel – und dann?


Ein Jahr nach dem Standortvorschlag: Was bisher in der Region geschah und wie es nun weitergeht.

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12. September 2022: «Die Geologie hat gesprochen.»

Dieser Satz von Nagra-CEO Matthias Braun katapultierte das Schweizer Tiefenlagerprojekt und die Gemeinde Stadel schlagartig ins Rampenlicht, löste tausende Medienbeiträge aus. Nebst SRF und Co. berichteten auch internationale Medien wie zum Beispiel der Guardian über den Standortvorschlag.

Keine Selbstverständlichkeit, denn vier Tage zuvor starb Queen Elizabeth. Der Tod der Monarchin dominierte die Presse ungleich stärker – dennoch fand der Standortvorschlag der Nagra am 12. September viel Beachtung.

Und dann?

Auf der grossen Bühne ebbte das Interesse schnell wieder ab. Dazu trug auch ein weiteres mediales Grossereignis bei. Diesmal war es der King: Roger Federer gab am 15. September seinen Rücktritt bekannt. Schneller als ein Aufschlag des Maestros wechselte der nationale Fokus vom Zürcher Unterland in die Tennis-Geschichtsbücher.

Generell verfolgen ausserhalb der betroffenen Region nur wenige das Jahrhundertprojekt Tiefenlager. Weil das so ist, geben wir ein Jahr nach dem Standortvorschlag einen Überblick, was seither geschah.

«Die Geologie hat gesprochen»: Mit diesen Worten verkündete Nagra-CEO Matthias Braun am 12. September 2022 den Standortvorschlag.

Die Region wird aktiv

Die Region musste den Standortvorschlag zuerst verdauen. Die Reaktionen in der Bevölkerung waren grösstenteils pragmatisch. Konkrete Fragen wurden gestellt: Wo werden die Lastwagen durchfahren? Wie wird der Lärm- und Sichtschutz sichergestellt? Gibt es Abgeltungen? Wie werden sich die Preise der Immobilien entwickeln? Auf den Plan gerufen wurden Interessen- und Expertengruppen, die den Prozess schon länger verfolgten.

Das Fachchinesisch lassen wir an dieser Stelle aber beiseite. Stattdessen beleuchten wir, was die Region aus der Situation gemacht hat.

Sie ist aktiv geworden: Die drei hauptbetroffenen Gemeinden, Stadel, Weiach und Glattfelden, organisierten zwei Infoveranstaltungen. Eine im Herbst 2022 und eine im Frühling 2023. Weitere sollen folgen. Die drei Gemeindepräsidenten wagten einen Blick über internationale Grenzen hinweg und reisten nach Finnland. Dort befindet sich das Tiefenlager Onkalo im Bau. Inspiriert wurden die Gemeindepräsidenten vor allem durch den Austausch mit der dortigen Standortgemeinde Eurajoki und mit anderen betroffenen Gemeinden in Europa. Davon könne man profitieren, aber: «Jedes Tiefenlager-Projekt ist einzigartig», berichtete der Weiacher Gemeindepräsident Stefan Arnold der Bevölkerung an einer der Infoveranstaltungen.

Bereits Ende 2022 stellte sich zudem die Regionalkonferenz Nördlich Lägern neu auf. Nach elf Jahren mit Hanspeter Lienhart als Präsident hat die Regionalkonferenz mit Christopher Müller und Reto Grossmann eine Doppelspitze erhalten. Die Zusammenarbeit mit der Regionalkonferenz und den lokalen Behörden war schon länger etabliert. Dafür sind wir dankbar. Für die Nagra ist es wichtig, diese gute Zusammenarbeit fortzuführen und weiter zu vertiefen.

Hohen Besuch erwartete die Region am 31. Oktober: Bundesrätin Simonetta Sommaruga reiste nach Zweidlen-Glattfelden. Das Interesse an der Veranstaltung des Bundesamts für Energie war riesig, einige Gäste mussten sich mit Stehplätzen begnügen. Es sei die Aufgabe der Politik, «dass wir jetzt alles dafür tun, damit wir den kommenden Generationen keine Probleme hinterlassen», gab Bundesrätin Sommaruga den Anwesenden mit auf den Weg.

Apropos aktiv geworden: In der Gemeinde Stadel ist eine Initiative aus der Bevölkerung heraus entstanden. «STADELaktiv» nennt sich die Arbeitsgruppe und ihr Slogan lautet «Tiefenlager – aber bitte fair». Fair bedeute, dass die Region nicht über den Tisch gezogen wird. Damit ist ein neuer Player in Erscheinung getreten, der das Projekt und den Prozess kritisch beäugen wird. Das ist gut und wichtig, denn Kritik macht das Projekt besser.

War damals noch Bundesrätin: Simonetta Sommaruga nahm im Oktober 2022 an der Infoveranstaltung in Zweidlen-Glattfelden teil.

Die Nagra hört zu

Dem Wissensdurst der Region begegnete die Nagra mit ihrem Infopavillon in Windlach in der Gemeinde Stadel, der von vielen Besuchergruppen besucht wurde. Er wurde nach dem Standortvorschlag in Betrieb genommen und blieb bis im April 2023 bestehen. Der Dialog mit den Menschen der Region stand im Zentrum. Denn die Nagra will nicht nur informieren, sondern auch Zuhören. Daraus entstanden zum Beispiel die «Stimmen der Region». Dieser Dialog wird weitergeführt: Zurzeit plant die Nagra ein Nachfolgeprojekt.

Zur Region gehört auch das benachbarte Gebiet in Deutschland. Nach dem Rückbau des Infopavillons zügelte das dafür angefertigte Tiefenlagermodell auf Wunsch der deutschen Nachbarschaft von Mai bis Juli nach Hohentengen ins Stadthaus. Auch dort bot die Nagra Führungen an.

Im Herbst und Winter 2022 organisierte die Nagra überdies speziell für Personen aus Nördlich Lägern fünf Besuchstage ins Felslabor Mont Terri. Das Interesse war gross, weshalb im Frühjahr 2023 vier weitere Besuchstage durchgeführt wurden. Auch diese waren durchwegs gut besucht. Deshalb finden auch in diesem Herbst wieder Besuchstage statt.

«Wir haben vor dem Standortvorschlag bereits intensiv mit der Standortregion zusammengearbeitet. Der 12. September 2022 hat aber definitiv ein neues Kapitel aufgeschlagen», sagt Philipp Senn, Leiter Kommunikation und Public Affairs bei der Nagra. «Das Projekt ist konkreter geworden. Es ist jetzt noch wichtiger, dass wir offen miteinander reden und einander zuhören.»

Die Besuchstage im Felslabor Mont Terri waren sehr gut besucht.

… und arbeitet weiter

Damit ist es aber noch längst nicht getan. Es wartet weiterhin viel Arbeit, ob auf dem Feld oder im Büro. Die Langzeitbeobachtungssysteme in den Bohrlöchern von Marthalen-1, Stadel-3 und Bözberg-1 sind inzwischen alle in Betrieb. Diese Untersuchung der Tiefengrundwässer ist denn auch ein Grund, weshalb Mitarbeitende der Nagra oder der Wartungsfirma noch immer ab und zu auf den Bohrplätzen zu sehen sind.

Die Nagra will das Projekt ständig weiterentwickeln und verbessern. Wie kann der neuste Stand der Technik implementiert werden? Oder wo kann das Schweizer Tiefenlagerprojekt von anderen Entsorgungsprojekten lernen? Diesen Fragen widmet sich seit April 2023 das neue Projekt «Optimierung» unter der Leitung von Irina Gaus. Damit stellt die Nagra sicher, dass trotz fortschreitender Umsetzung ausreichend Flexibilität für künftige Optimierungsschritte bleibt.

Nach Jahrzehnten der Forschung und aufwendigen Standortsuche beginnt für die Nagra die Bewilligungsphase. Der Fokus liegt bereits seit geraumer Zeit auf der Erstellung der Berichte für die Rahmenbewilligungsgesuche. Diese wird die Nagra voraussichtlich Ende 2024 einreichen. Unsere Expertinnen und Experten arbeiten mit Hochdruck an ihren Berichten: Allein im ersten Halbjahr 2023 wurden drei technische Berichte und neun Arbeitsberichte fertiggestellt und auf der Website veröffentlicht.

Die Geologie hat gesprochen. Doch auch die Menschen der Region haben ihre Stimme erhoben. Das ist auch gut so. Wir wollen nicht nur ein sicheres Tiefenlager bauen, sondern auch ein verträgliches. Das schaffen wir nur gemeinsam mit der Region, wenn diese das Projekt weiterhin mitgestaltet. So leistet die Region einen wichtigen Beitrag zu dieser nationalen Aufgabe. Und dafür sind wir dankbar – denn die Zeit im Jahrhundertprojekt Tiefenlager: sie läuft. Vor einem Jahr hat die Nagra den Standort vorgeschlagen. Und in rund einem Jahr will sie die Rahmenbewilligungsgesuche einreichen. Es wird der nächste Meilenstein sein auf dem Weg zum Schweizer Tiefenlager.

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