Nagra-Geophysiker Martin Schoenball öffnet die 500 Kilogramm schwere Stahlluke, die den Bohrkeller des Bohrplatzes Bözber-1 freigibt.

Ist der Untergrund noch ganz dicht?


Die Bohrkampagne der Nagra ist längst vorbei, doch im Untergrund werden weiter Daten gesammelt. Ein Besuch im Bözberger Bohrkeller.

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Der Blick schweift Richtung Süden: Im Vordergrund teilt sich die Aare in zwei Läufe. Auf den Hügeln thronen die Aargauer Schlösser – Habsburg, Wildegg, Lenzburg, und weit dahinter zeigen sich die schneebedeckten Alpen. In Bezug auf das Panorama ist der ehemalige Bohrplatz Bözberg-1 ganz sicher der Schönste.

Von der Zufahrt zum ehemaligen Bohrplatz Bözberg bietet sich ein wunderschönes Panorama.

Bis Ende 2023 wird er zurückgebaut. Dann werden Unbeteiligte hier vorbeigehen und nicht erahnen, was sich unter ihren Füssen verbirgt.

Vor unseren Füssen öffnet derweil Geophysiker Martin Schoenball die Luke zum Bohrkeller. Eine halbe Tonne Stahl schwingt auf und wir steigen hinab.

Ganz schön schwer: Eine halbe Tonne Stahl trennt den Bohrkeller von der Oberfläche.
Was sich da unten wohl verbirgt?

Bunter Betonkeller

War von oben nicht viel mehr als Kies, Beton und Stahl zu sehen, geht es im Untergrund deutlich abwechslungsreicher und bunter zur Sache. Eine Vielzahl an Kabeln, Druckbehältern und Leitungen in verschiedenen Farben verzieren den ansonsten grauen Beton-Bohrkeller. Nur: Was genau macht die Nagra noch hier?

Martin Schoenball klärt uns auf: «In jedem der drei Standortgebiete wurde ein System zur Langzeitbeobachtung der Tiefengrundwässer eingerichtet. Im Falle des Standortgebietes Jura Ost, befindet es sich hier in der Bohrung Bözberg-1.»

Massive Muttern zur Befestigung, viele Leitungen und bunte Farben füllen den Betonraum aus.
Martin Schoenball im Bohrkeller, der gerade so Platz für drei Personen bietet.

Vom Untergrund bequem ins Büro

Auch nach Abschluss der Tiefbohrkampagne sind ab und zu Menschen auf den früheren Bohrplätzen anzutreffen. Die Langzeitbeobachtungssysteme – kurz LZB – werden nämlich regelmässig kontrolliert und gewartet. Das übernehme aber eine externe Firma, weshalb er schon länger nicht mehr hier gewesen sei, erzählt Schoenball. «Die Daten werden direkt an uns übermittelt. Dafür müssen wir nicht vor Ort sein.» Vom Untergrund bequem ins Büro geliefert, so geht Wissenschaft im 21. Jahrhundert.

Die anderen LZB befinden sich in den Bohrungen Stadel-3 im Standortgebiet Nördlich Lägern und Marthalen-1 im Standortgebiet Zürich Nordost. «In der Bohrung Benken ist seit 1999 ein ähnliches System installiert», ergänzt Schoenball. Die neuen Systeme seien dank Glasfasertechnik aber moderner.

Was wird da gemessen?

Die Frage «Ist der Untergrund noch ganz dicht?» ist stark vereinfacht und klärt wenig überraschend nicht über den geistigen Zustand der Gesteinsschichten auf. Aber sie liegt eben auch nicht so weit daneben.

Genauer gesagt will die Nagra nämlich herausfinden, wie dicht das Gestein im Untergrund ist. Das lässt sich anhand des Porenwasserdrucks ermitteln. Schon während der Tiefbohrung wurde intensiv getestet. Das Problem: «Durch die Bohrung wird der Grundzustand temporär gestört», sagt Schoenball. Es dauert viele Jahre, bis dieser wiederhergestellt ist. Wie eine Wunde im Boden, die langsam wieder verheilt.

Als Pflaster wirken Rohre, die die Bohrung stabilisieren. Diese Rohre wurden durch kleine Sprengungen perforiert, damit der Kontakt zum umliegenden Gestein die Messungen möglich macht. «Hydraulische Kommunikation», nennt Schoenball das.

Diese Kommunikation ermöglicht erst die Messungen im Bohrloch, in dem sich Wasser befindet. Fliesst das Wasser ins umliegende Gestein ab, registrieren die Sensoren eine Druckänderung. Bei sehr dichtem Gestein passiert kaum etwas, bei weniger dichtem Gestein fliesst das Wasser schneller durch das Gestein ab. Eine Art Ballons, sogenannte Packer, dichten die Gesteinsschichten in der Bohrung voneinander ab. Das erlaubt der Nagra, den Druck in jeder Gesteinsschicht separat zu messen. Im Fachjargon: formationsspezifisch.

Zurück zur grünen Wiese

Der Einbau und die Installation des Hightech-LZB hat einen Monat gedauert. Die Langzeitbeobachtung wird Jahrzehnte dauern. Noch zeugen Erdwälle, ein Zaun und ein Hinweisschild davon, dass sich hier einst ein Bohrkopf mehr als tausend Meter in die Tiefe gefressen hat. Ist der Rückbau Ende 2023 abgeschlossen, werden nur noch Eingeweihte wissen, was sich unter der schweren Stahlluke verbirgt, die Martin Schoenball verschliesst.

Alle anderen werden ihren Blick nicht auf den Boden, sondern wieder gegen Süden richten. Zu den Bergen, den Schlössern und der Aare.

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