Wenn Zukunftsmusik im Mittelalter spielt


Zurück in die Zukunft? Was die Grafen von Greyerz mit unserem Atommüll zu tun haben.

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Im Jagdsaal sitzt eine Katze. Sie jagt keine Mäuse, denn Hunger plagt sie nicht. Sie ist ein Ausstellungsexponat des Fotografen Marcel Rickli. Seine AEON-Ausstellung im Schloss Greyerz fasziniert: Gewaltige Zeiträume verschmelzen miteinander. Der starke Kontrast zwischen Vergangenheit und Zukunft überrascht, erstaunt, verwirrt. Künstler Rickli spricht nicht zufällig von «Absurdität und Denkanstössen».

Absurd, aber wichtig

Lösen wir das Rätsel der Katzen, die kaum für einen «Jöö-Effekt» sorgen, auf: Die grimmigen, in rot getünchten Strahlenkatzen basieren auf einem Vorschlag der französischen Autorin Françoise Bastide und des italienischen Semiotikers Paolo Fabri. Durch genetische Manipulation soll sich das Fell der Katzen verfärben, um damit anzuzeigen: Achtung, hier gibt es Radioaktivität!

Um diese unsichtbare Gefahr dreht sich die Ausstellung AEON des Fotografen Marcel Rickli. «Das Thema hat eine gewisse Absurdität», sagt der 37-jährige Berner mit Wohnsitz in Zürich.

«Der Mensch bringt sich immer wieder in unmögliche Situationen und muss dann Lösungen finden. Beim Tiefenlager ist es ähnlich: Irgendwann soll es verschlossen werden und wir müssen dann diese unsichtbare Gefahr über eine unglaublich lange Zeit in die Zukunft kommunizieren.» Langzeitmarkierung heisst das in der Fachsprache.

Strahlenkatze: Warnt sie die Menschen der Zukunft vor der unsichtbaren Gefahr der radioaktiven Strahlung?
Die Strahlenkatzen haben sich im Schloss Greyerz verteilt. Diese hier hat sich in den Salon Corot geschlichen.

Die Grafen von Greyerz und die Gefahren der Zukunft

Interessiert an allen Aspekten rund um Energie und Ressourcen, will Rickli mit seinen Werken Denkanstösse geben: «In meiner Arbeit geht es nicht primär um ‘Ja oder Nein’ zur Atomkraft. Ich möchte ein Bewusstsein schaffen, denn viele Menschen scheinen sich nicht im Klaren zu sein, was der Bau eines Kernkraftwerks alles bewirkt.»

Was Kernkraftwerke in jedem Fall bewirken, sind radioaktive Abfälle. Diese müssen sicher eingelagert werden. In der Schweiz für eine Million Jahre. So will es das Gesetz. Und damit dieser Atommüll künftige Generationen nicht gefährdet, wird zum Thema Langzeitmarkierung auf der ganzen Welt geforscht.

Katzen, blaugefärbte Wälder, Mahnmale – es gibt unzählige Ideen, wie diese delikate Botschaft weit in die Zukunft transportiert werden soll. Rickli setzt sich mit Fotos, 3D-Modellen und Videoinstallationen damit auseinander.

Marcel Rickli, der Künstler hinter der AEON-Ausstellung.

Im Schloss Greyerz ist das besonders spannend, weil verschmilzt, was eigentlich nicht zusammengehört. Wie lange es doch her ist als das Schloss im 13. Jahrhundert für die Grafen von Greyerz erbaut wurde. Wie anders das Leben in den darauffolgenden Jahrzehnten und Jahrhunderten gewesen sein muss. Eine komplett andere Welt, die wir uns gerade noch so vorstellen können, weil wir diese erhaltenen und aufbereiteten Schönheiten mit ihren Schätzen heute wieder betreten können.

Den Besucherinnen und Besuchern im Schloss Greyerz winkt durch die Ausstellung von Marcel Rickli die Gelegenheit, zwei gänzlich gegensätzliche Welten auf einmal zu erkunden.

Fast unweigerlich wird ein Vergleich zwischen den beiden Welten angestellt, doch der hinkt gewaltig: Wir blicken im Schloss Greyerz nämlich rund 800 Jahre zurück in die Vergangenheit. Der Atommüll soll für eine Million Jahre sicher im Untergrund gelagert werden.

Unvorstellbar?

Für einige vielleicht schon. Für Marcel Rickli hingegen die perfekte Inspiration.

Noch bis am 11. Juni

AEON im Schloss Greyerz


Die Ausstellung AEON im Schloss Greyerz läuft noch bis am 11. Juni 2023. Sie ist jeden Tag von 9 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 12 Franken für Erwachsene. Senioren, Studierende, Gruppen, Kinder und Familien profitieren von ermässigten Tarifen.

Weiterführende Infos zu AEON gibt es auf der Website des Künstlers.

Website von Marcel Rickli
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