Arbeiten in einer Strecke des Endlagerbergwerks Konrad. Zwei Arbeiter Vermessungen vor. Der Ausbau des ehemaligen Bergwerks erfolgt in einem zweistufigen Tunnelbauverfahren.

Ist uns Deutschland voraus?


Schon zu Beginn der 2030er Jahre soll in Niedersachsen Atommüll eingelagert werden. Hat Deutschland die Schweiz bei der Endlagersuche überholt?

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Die Gefühlslagen hätten unterschiedlicher kaum sein können: Kurz nachdem die Nagra im September 2022 einen Standort für das Schweizer Tiefenlager vorgeschlagen hat, machte bei unseren nördlichen Nachbarn die Runde, dass sich die Endlagersuche verzögert. Ursprünglich wollte Deutschland bis im Jahr 2031 einen Standort haben. Nun dauert es, je nach Szenario, bis 2046 oder gar bis 2068.

Kurz vor Weihnachten 2023 verkündete die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE): «Die BGE baut ein sicheres Endlager.» Was damit gemeint ist: Trotz leichten Verzögerungen sollen ab den 2030-er Jahren radioaktive Abfälle im Schacht Konrad entsorgt werden.

Hat Deutschland die Schweiz in der Endlagersuche überholt?

Die einfache Antwort: nein. An den Zeitplänen der einzelnen Projekte hat sich kaum etwas verändert. Ausserdem gibt es bei Endlagerprojekten keine Abkürzungen. Bei genauerer Betrachtung merkt man aber vor allem, dass Äpfel mit Birnen verglichen werden.

Wir erklären die Unterschiede zwischen dem Endlager Konrad und unserem Schweizer Projekt.

Vom Eisenerz zum Endlagerbergwerk

Beim Schacht Konrad handelt es sich um ein ehemaliges Bergwerk im niedersächsischen Salzgitter. Zwischen 1964 und 1976 wurden hier fast sieben Millionen Tonnen Eisenerz gefördert. Im Anschluss wurde festgestellt, dass sich das Bergwerk als mögliches Endlager eignet – damit begannen die Planungen. Seit 2007 wird das Bergwerk zu einem Endlager umgebaut – dem ersten nach Atomrecht genehmigten Endlager Deutschlands. Es dient zur Entsorgung von schwach- und mittelaktiven Abfällen (SMA).

Das sind schon mal zwei wesentliche Unterschiede zum Schweizer Tiefenlager: Unser Tiefenlagerprojekt sieht vor, ein Lager in unberührtes Gestein zu bauen. Der Vorschlag der Nagra sieht ein sogenanntes Kombilager vor: In diesem Lager können sowohl hochaktive Abfälle (HAA) als auch schwach- und mittelaktive Abfälle (SMA) entsorgt werden.

Wichtig zu wissen: Wird in Deutschland von der Endlagersuche gesprochen, dann ist damit ein Endlager für hochaktive Abfälle gemeint.

Das ehemalige Bergwerk wird zu einem Endlager umgebaut: Schacht Konrad im niedersächsischen Salzgitter.

Vorbehalte en masse

Beide Länder haben eine bewegte Geschichte der Atommüllentsorgung: In der Schweiz scheiterte das Projekt «Wellenberg». Gleich zweimal – 1995 und 2002 – sagte die Nidwaldner Bevölkerung Nein. Als Folge wurde der Sachplan geologische Tiefenlager aus der Taufe gehoben. Er bestimmt, wie die Suche nach einem geeigneten Atommülllager in der Schweiz auszusehen hat.

In Deutschland sind vor allem die Proteste von Gorleben in Erinnerung. Auch das Endlagerbergwerk Konrad lässt sich nicht einfach so realisieren. Im Jahr 1991 gehen in der zweimonatigen Frist fast 290’000 Einwendungen gegen den Umbau ein. Das löst eines der grössten Verwaltungsverfahren in der Geschichte der Bundesrepublik aus. Die 75 Verhandlungstage für den sogenannten Erörterungstermin – an diesem besprechen sich alle Beteiligten eines Rechtsstreits vor dem eigentlichen Verfahren – sind bis heute Rekord. 2002 endete das Verfahren: Schacht Konrad erhält die Genehmigung und darf zum Endlager für schwach- und mittelaktive Abfälle umgebaut werden. Die Umbauarbeiten begannen jedoch erst im Jahr 2007 – nach Abschluss eines umfangreichen Klageverfahrens vor dem Bundesverwaltungsgericht.

Die verschiedenen Abfallarten und ihre Lagerung

In der Schachtanlage Konrad dürfen keine hochaktiven Abfälle entsorgt werden. HAA sind zum Beispiel abgebrannte Brennelemente aus Kernkraftwerken. Für diese Art von Abfällen muss Deutschland einen anderen Standort suchen. Und genau diese Suche ist es, die noch viel Zeit in Anspruch nehmen wird – eben bis 2046 oder gar bis 2068.

Der Grund dafür: Wie in der Schweiz, hat die Sicherheit höchste Priorität. Der Standort wird nach wissenschaftlichen Kriterien ermittelt. Je mehr Untersuchungen, aber auch Verfahren noch anstehen, desto schwieriger ist es, einen exakten Zeitplan zu benennen.

Auch die Schweiz hat lange gesucht. Nach dem Aus des Wellenbergprojekts, startete 2008 die 1. Etappe des Sachplans geologische Tiefenlager. 2011 waren noch sechs Gebiete im Rennen, darunter auch wieder der Wellenberg. Im September 2022 hat die Nagra dann Nördlich Lägern als Standort vorgeschlagen und arbeitet nun am Rahmenbewilligungsgesuch. Es soll im November 2024 eingereicht werden.

Ob Schacht Konrad oder Kombilager in Nördlich Lägern: Die Sicherheit steht an erster Stelle, doch auch Einwände und Sorgen aus der Bevölkerung müssen berücksichtigt werden. Bei Projekten mit einer solchen Komplexität sind keine Abkürzungen erlaubt.

 

Bilder: Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE)

In diesen Tunneln des Endlagerbergwerks Schacht Konrad dürfen keine hochaktiven Abfälle eingelagert werden.
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