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«Das ist doch das Coolste, was man machen kann?»


Marius Büchi pendelt. Aber nicht zur Arbeit, sondern durch die Erdgeschichte.

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Bei den neun Tiefbohrungen und der anschliessenden Analyse der Bohrkerne kann die Nagra auf viel Know-how aus dem In- und Ausland zählen. Wir stellen hier Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vor, die mit Ihrer Expertise zum Gelingen des Jahrhundertprojekts Tiefenlager beitragen. Heute ist die Reihe an:

Marius Büchi, Geologe am Institut für Geologie, Universität Bern

Marius Büchi studierte an der Universität und ETH Zürich Geographie und Geologie, 2012 wechselte er für seine Dissertation an die Universität Bern zur Forschungsgruppe Quartärgeologie & Paläoklimatologie. Dort ist der Thurgauer heute als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig. Seit 2017 arbeitet er eng mit der Nagra zusammen. Büchi beschäftigt sich mit glazialer Erosion: Er untersucht, wie die Gletscher vorgestossen sind, die Landschaften umgestaltet und geformt haben. Büchis Arbeit hilft dabei, vergangene und zukünftige Gletschervorstösse besser einzuschätzen.

Wie dürfen wir uns Ihre Arbeit konkret vorstellen, wenn Sie versuchen, aus den Ablagerungen von vergangenen Zeiten zu lesen und zu deuten?
In meiner Arbeit befasse ich mich mit der jüngsten geologischen Geschichte; den letzten rund 2.6 Millionen Jahren. Diese Zeit ist im Alpenraum besonders durch das wiederholte Anwachsen und Zurückziehen von Vergletscherungen geprägt. Von diesen „Eiszeiten“ sind Ablagerungen und Landschaftsformen übriggeblieben. Sie dienen uns als eine Art Archiv. Als Geologe versuche ich diese Archive zu entschlüsseln und mit anderen zu verbinden. Gemeinsam mit der Nagra haben wir besonders mächtige Sedimentablagerungen unter den heutigen Tälern erbohrt. In den langen Bohrkernen können wir beispielweise feststellen, wann ein eiszeitlicher Gletscher in ein Gebiet vorgestossen ist. Dazu braucht es aber auch seismische Daten und generell viel Teamwork mit weiteren Spezialisten. Meine Aufgabe als Geologe ist es, aus all diesen Informationen ein möglichst realistisches Bild zusammenzusetzen und die Unsicherheiten zu erkennen. So lernen wir, wie die Gletscher in Vergangenheit das Landschaftsbild geprägt und geformt haben.

Unterscheidet sich das Projekt der Nagra stark von Ihren anderen Arbeiten?
Von der Tätigkeit her nicht. Wir arbeiten auch sonst an diesen Themen, weil es für viele wissenschaftliche und angewandte Fragen von grosser Relevanz ist. Bei der Nagra kommt der Aspekt der Langzeitentwicklung, also die Dimension der Zukunft, dazu. Das macht es besonders interessant. Die Zusammenarbeit hat neue Möglichkeiten für uns Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eröffnet. Es ist fast wie Weihnachten und Geburtstag zusammen: Wir konnten viele Bohrungen durchführen und haben Bohrkerne in hoher Qualität erhalten. Das alles einzeln zu finanzieren, hätte sicher länger gedauert. Von daher hat das Projekt tolle Anreize geschaffen, um sich diesem Thema zeitnah anzunehmen. Ich betrachte das als Win-Win-Situation.

Was fasziniert Sie persönlich an Ihrer Arbeit?
Ich habe grosse Freude an der Geologie. Es ist wie eine Zeitreise, man pendelt durch die Erdgeschichte. Das ist doch etwas vom Coolsten, das man machen kann?

Gerade die jüngere Erdgeschichte prägte all das, was wir heute an der Oberfläche sehen. Wir leben quasi in den „Fussabdrücken“ dieser Eisriesen. Wo kommt das Grundwasser her? Wo bauen wir unsere Gebäude hin? Wo kommt das Tiefenlager hin? Das ist alles sehr eng verbunden mit den einstigen Vergletscherungen. Die Vorstellung, dass vor rund 20‘000 Jahren genau hier, wo ich jetzt sitze, mehrere hundert Meter Eis über meinem Kopf wären – das finde ich total faszinierend!

Jetzt sind 20‘000 Jahre für geologische Verhältnisse sehr wenig. Dann müssten wir über die letzten Eiszeiten doch schon sehr viel wissen?
Über die letzte Eiszeit vor rund 20‘000 Jahren wissen wir mittlerweile relativ gut Bescheid. Aber zuvor gab es rund ein Dutzend weitere grosse Vergletscherungen in der geologisch jüngeren Zeit – darüber ist weniger bekannt, obwohl auch das eigentlich nur der letzte Wimpernschlag der Erdgeschichte ist. Wann und wo genau was passiert ist: das herauszufinden, ist Teil meiner Arbeit.

«Ich reise in meiner Arbeit durch die Geschichte der Erde. Das ist doch das Coolste, was man machen kann?»


Warum wissen wir denn, von der letzten Eiszeit abgesehen, ausgerechnet über die jüngste Geschichte so wenig?
Wir haben eine gute Vorstellung, wie sich das Klima und damit auch die eiszeitlichen Vergletscherungen in der Vergangenheit entwickelt haben. Dies dank der Analyse von Ablagerungen an Meeresböden und der Untersuchung der Eisschilde in Grönland und der Antarktis. Diese Erkenntnisse sind aber stark gemittelt. Das heisst, es ist nicht klar, wie sich diese globale Entwicklung regional, zum Beispiel in den Alpenraum, übersetzt. Wenn wir unsere Rekonstruktionen hier an Land machen, ist das oft viel komplexer: Jeder Gletscher, der vorstösst, verwischt die Spuren der vorherigen Gletscher. Geologische Archive, die wir für die Rekonstruktionen der älteren Vergletscherungen brauchen, sind also an Land weniger vorhanden und auch schwieriger zu lesen. Mit den Quartärbohrungen suchen wir genau diese Archive, die bisher noch kaum untersucht wurden.

Ihre Arbeit fliesst in das Projekt Tiefenlager ein. Spielt das in Ihrer täglichen Arbeit eine Rolle?
In meiner Forschungstätigkeit spielt es keine Rolle. Wir haben unsere Methoden und Grundlagen, damit wollen wir den Wissensgewinn für alle maximieren. Egal, für was oder wen man das macht. Unabhängigkeit ist für die Forschung unabdingbar.

Andererseits finde ich die Fragen rund um die radioaktiven Abfälle und die Tiefenlagerung durchaus spannend. Es ist ein wichtiges Thema – sowohl als Geologe als auch als Bürger.

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