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«Wir erwarten, dass wir den Abfall nicht zurückholen müssen – aber wir könnten»


Der Nagra-Bergbauingenieur Thorsten Steils erklärt im Interview, wie radioaktiver Abfall aus einem geologischen Tiefenlager zurückgeholt werden kann.

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Thorsten Steils, der radioaktive Abfall wird in einem geologischen Tiefenlager eingelagert. Die Nagra betont gerne und oft, dass diese Lösung sicher ist. Warum arbeiten Sie dennoch an Lösungen, wie der Abfall wieder aus dem Lager zurückgeholt werden kann?

Als Erstes möchte ich betonen: Wir gehen nicht davon aus, dass wir die Abfälle zurückholen werden oder müssen. Das Gesetz verlangt jedoch, dass eine Rückholung der Abfälle ohne grossen Aufwand bis zum Verschluss des Lagers möglich ist. Falls sich das Lager anders entwickelt als erwartet und wir nicht mehr nachweisen können, dass das Lager dauerhaft sicher bleibt, müssen wir den Abfall zurückholen. Die Wahrscheinlichkeit eines solchen Szenarios schätzen wir jedoch als sehr klein ein. Es ist nämlich so: Wir dürfen die Abfälle nur dann einlagern, wenn die Behörden bestätigen, dass es sehr sicher ist. Wenn Zweifel an der Sicherheit bestünden, und die Rückholung daher ein wahrscheinliches Szenario wäre, erhielten wir gar keine Bewilligung für die Einlagerung der Abfälle. Wir können ein solches Szenario nicht hundertprozentig ausschliessen, das wäre unwissenschaftlich. Aber wir kommen den 100 Prozent sehr nahe.

Es könnte zudem auch sein, dass zukünftige Generationen den Abfall aus anderen Gründen zurückholen wollen. Etwa, weil sie andere Entsorgungsmethoden bevorzugen, oder die Abfälle als Ressourcen wiederverwenden wollen. Das müssen aber die künftigen Generationen entscheiden.

 

Auch wenn Sie nicht damit rechnen, müssen sie also die Abfälle rückholbar einlagern. Wie geht das konkret?

Entscheidend ist, dass die Rückholung bereits bei der Einlagerung mitgedacht wird. Die geordnete Einlagerung ist zentral. Wir werden strukturiert vorgehen und genau dokumentieren, wo welcher Behälter mit welchem Inhalt liegt.

Die Behälter werden so platziert, dass man sie bei Bedarf wieder greifen und an die Oberfläche bringen kann. Die Hohlräume in den Lagerstollen, in denen sich die Behälter befinden, werden verfüllt. Die Behälter werden durch dieses Verfüllmaterial geschützt und bleiben sehr lange intakt.

Wir können die Abfälle bereits mit heutiger Technik zurückholen. Die Rückholung funktioniert vereinfacht gesagt wie die Einlagerung – einfach umgekehrt. Der entscheidende Unterschied: Bei der Rückholung müssen wir das Material, mit dem wir den Hohlraum zwischen Endlagerbehälter und Stollen verfüllen, entnehmen statt einbringen. Wir können dabei grösstenteils mit denselben Maschinen und Prozessen arbeiten wie bei der Einlagerung.

Zur Person:

Thorsten Steils arbeitet seit 2020 als Bergbauingenieur bei der Nagra. Nach dem Studium des Rohstoffingenieurwesens an der RWTH Aachen arbeitete er zunächst als Bauleiter im untertägigen Bergbau. Er war dort überwiegend für Sanierungsprojekte im Altbergbau zuständig. Im Anschluss arbeitete er als Projektingenieur in einem Ingenieurbüro und spezialisierte sich auf die Planung und Baubegleitung im Sanierungsbergbau. Bei der Nagra beschäftigt er sich nicht nur mit der Rückholung der Abfälle, sondern auch mit dem Verschluss des Lagers.

Thorsten Steils

Das Wichtigste in Kürze:


Das Gesetz verlangt, dass der radioaktive Abfall so im Tiefenlager eingelagert wird, dass er wieder zurückgeholt werden kann. Die Nagra zeigt mit einem neuen Bericht, wie der Abfall zurückgeholt werden kann, geht aber nicht davon aus, dass die Abfälle zurückgeholt werden müssen. Die notwendige Technik ist bereits heute vorhanden. Die Rückholung läuft vereinfacht gesagt ab wie die Einlagerung – einfach umgekehrt. Entscheidend für eine bessere Rückholbarkeit ist, dass die Rückholung bereits bei der Einlagerung mitgedacht wird, und dass der Abfall geordnet eingelagert und dokumentiert wird.

Wie lange können die Abfälle zurückgeholt werden?

Bis zum Verschluss des Lagers geht das mit verhältnismässig kleinerem Aufwand. Aktuell gehen wir von einer Beobachtungsphase von 50 Jahren aus. Danach werden die Schächte verfüllt und das Lager verschlossen. Auch danach ist eine Rückholung möglich, allerdings ist der Aufwand nach dem Verschluss höher. Aber dafür haben wir nach dem Verschluss eine passive Sicherheit, das heisst das Lager ist ohne menschliches Zutun sicher. Die Endlagerbehälter – insbesondere die für hochaktive Abfälle – sind sehr robust und werden den Abfall Tausende von Jahren einschliessen. So lange diese Behälter intakt sind, kann der Abfall aus technischer Sicht immer noch verhältnismässig einfach zurückgeholt werden. Mit zunehmender Dauer wird die Rückholung aber immer aufwändiger.

Sie haben gesagt, dass die Abfälle zurückgeholt werden müssen, falls sich das Lager anders entwickelt als erwartet. Wie könnte ein solches unerwartetes Szenario aussehen?

Wir betrachten alle denkbaren Szenarien und erarbeiten geeignete Massnahmen, um diese zu verhindern oder beherrschen können. Zudem haben wir ein redundantes Mehrfachbarrierensystem. Fällt eine Barriere aus, übernimmt die nächste deren Funktion. Falls wir das unerwartete Szenario bereits heute kennen würden, wäre es ja kein unerwartetes und wir würden bereits heute Massnahmen treffen, damit es eben nicht eintritt.

Falls ein Szenario eintritt, das wir noch nicht kennen, müssen wir darauf reagieren. Das Nuklearsicherheitsinspektorat ordnet die Rückholung erst dann an, wenn das Gesamtsystem nicht mehr funktioniert und wir nicht mehr nachweisen können, dass der Abfall so lange eingeschlossen bleibt, bis er nicht mehr gefährlich ist. Aber wie gesagt: Wir gehen nicht davon aus, dass dieser Fall eintritt. Im Endeffekt ist die Rückholung eine letzte Absicherung für den Fall, dass alle ExpertInnen, die Aufsichtsbehörde und wir von der Nagra uns geirrt haben sollten.

Die Rückholung animiert im Video

In Ihrem Bericht, der jetzt veröffentlicht wurde, zeigen Sie, wie die Rückholung funktionieren kann. Wie geht es mit diesem Thema nun weiter?

Wir werden die Verfahren weiter optimieren, an den Details arbeiten, andere Varianten entwickeln und uns für die beste Variante entscheiden. Die Technologie entwickelt sich ständig weiter, diesen Fortschritt wollen und müssen wir mitnehmen und in das Rückholungskonzept einfliessen lassen. Schlussendlich werden wir in einem Demonstrationsexperiment im Lager zeigen müssen, dass wir die Rückholung beherrschen und unser Rückholungskonzept funktioniert. Das ist eine der vielen Voraussetzungen, die wir erfüllen müssen, damit wir mit der Einlagerung überhaupt erst beginnen dürfen.

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