Das digitale Nördlich Lägern


Vor einem Jahr wurde bei der Nagra der Unternehmensbereich Optimierung ins Leben gerufen. Was genau seine Funktion ist, erläutert Irina Gaus.

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«Wir lernen ständig dazu, sorgen dafür, dass die Nagra die richtigen Entscheide treffen und ein State-of-the-Art-Tiefenlager bauen kann.» Mit diesem Anspruch leitet Irina Gaus den vor einem Jahr gegründeten Unternehmensbereich Optimierung. «Wir befinden uns noch im Aufbau», sagt die promovierte Hydrogeologin, die Ende 2022 in die Geschäftsleitung der Nagra gewählt wurde. Bis November 2024 liegt der Hauptfokus der Nagra noch auf dem Rahmenbewilligungsgesuch (RBG). «Die Optimierung beginnt erst danach», sagt Gaus. «Wir bereiten das Projekt aber so vor, dass unsere Mitarbeitenden nach den RBG-Arbeiten sofort und effizient in unser künftiges Programm einsteigen können.» Wie kann das Projekt nachhaltiger werden? Wie dokumentiert man Informationen über mehrere Dekaden? Aber auch: Wie können die Kosten optimiert werden? Alles Fragen, mit denen sich das Team von Irina Gaus beschäftigt. Immer gilt jedoch: Die Sicherheit steht an erster Stelle.

Pionierrolle der Nagra
Hohe Priorität geniesst auch die Digitalisierung. Gaus nennt es «das digitale Nördlich-Lägern-Projekt. Es ist immer aktuell und wird kontinuierlich verbessert.» Gelingen soll das nach dem «Digital Twin»-Konzept, der digitalen Abbildung des Projekts Tiefenlager. Dort fliessen alle Daten, Modelle und Simulationen hinein – von geologischen Untersuchungen bis zu Kostenberechnungen. «Basierend auf diesen Informationen können wir langfristig bessere Entscheidungen treffen», sagt Gaus. Als konkretes Beispiel kann man das Building Information Modelling nennen – kurz BIM. Diese digitale Arbeitsmethode nutzen Ingenieure für das vernetzte Planen und Bauen von Gebäuden. Für Untergrundprojekte wie das Tiefenlager steckt BIM aber noch in den Kinderschuhen. Die Nagra möchte hier eine Pionierrolle einnehmen. «Wir arbeiten nach dem ‹Single Source of Truth›-Prinzip», erklärt Gaus. «Alle technischen Disziplinen fliessen in eine einzige digitale Umgebung ein, auf die man sich vollkommen verlassen kann.» Das wird möglich, weil man sich auf eine Region fokussiert hat. Schwesterorganisationen der Nagra zögen bei der Digitalisierung nach und man arbeite auch mit diesen zusammen, so Gaus. «Der Fokus auf einen Standort ist unser Vorteil, wir haben dadurch schon viel Vorarbeit geleistet. Auch nach dem RBG wollen wir uns immer weiter verbessern.»

Irina Gaus leitet den Bereich Optimierung, der 2023 gegründet wurde.

Internationale Forschung
Die internationale Forschung und Zusammenarbeit ist für die Nagra eminent wichtig. An der Seite von Schwesterorganisationen, Universitäten und Forschungsinstitutionen wie dem Paul Scherrer Institut hat die Nagra am Programm EURAD I mitgearbeitet. Es läuft noch bis Mitte 2024. «Es ist das Forschungsprojekt in unserer Branche», sagt Irina Gaus. «Wir konnten unseren Wissensstand verfeinern, haben beispielsweise beim Thema Gastransport im Tiefenlager grosse Fortschritte erzielt, die direkt in unser RBG einfliessen.» Auch beim Umgang mit Unsicherheiten habe man viel dazugelernt. «Das Projekt war für uns ein Erfolg, weil wir einen direkten Nutzen für unseren Langzeit-Sicherheitsnachweis daraus ziehen konnten.»
Nach EURAD I startet im Herbst direkt EURAD II. Weil die Schweiz nur noch beschränkten Zugang hat zu «Horizon Europe», dem Rahmenprogramm der EU, stand die Teilnahme am Nachfolgeprogramm auf der Kippe. Dank der Unterstützung des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) kann die Nagra aber als Drittorganisation teilnehmen. «Themen werden etwa ‹Digital Twins› und generell die Optimierung sein. Aber auch die Auswirkungen des Klimas auf unsere Sicherheitsanalysen werden erforscht», blickt Irina Gaus auf EURAD II voraus. Dieses Programm wird bis 2029 laufen.

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