Präsident Lino Guzzella und CEO Matthias Braun diskutieren vor dem Tiefenlagermodell im Nagra Infopavillon in Windlach.

Was jetzt auf die Nagra zukommt


CEO Matthias Braun und Präsident Lino Guzzella blicken auf den Standortvorschlag für das Tiefenlager zurück. Warum sich die Zusammenarbeit mit Regionen und Behörden gelohnt hat und welche Veränderungen jetzt auf die Nagra zukommen.

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Lino Guzzella, Matthias Braun, im September 2022 hat die Nagra Nördlich Lägern als Standort für ein geologisches Tiefenlager vorgeschlagen. Wie beurteilen Sie die Reaktionen in der Region und in den Medien?

Guzzella: Die Reaktionen waren grösstenteils konstruktiv und sachlich. Es hat sich einmal mehr bestätigt: In der Schweiz können wir über komplexe und anspruchsvolle Themen vernünftig miteinander diskutieren.
Braun: In den Medien las ich, dass die Schweiz mit ihrer besonnenen Reaktion Reife gezeigt habe – das hat mich natürlich gefreut. Mich hat beeindruckt, wie konstruktiv die Menschen in der betroffenen Region reagiert haben. Natürlich hat niemand gejubelt. Aber ich sehe, dass die Region das Beste aus der Situation machen und sich einbringen will.
Guzzella: Die Zusammenarbeit mit der Region hat Früchte getragen – die Regionalkonferenz Nördlich Lägern und ihre Fachgruppen beschäftigen sich seit Jahren mit dem Thema und haben ein grosses Wissen aufgebaut.
Braun: Ja, diese Zusammenarbeit hat zu besseren Lösungen geführt. Den Standort der Oberflächenanlage etwa haben wir gemeinsam mit der Region bestimmt. Sie gestaltet das Projekt schon lange mit und hilft es besser zu machen.
Guzzella: Aus meiner Sicht ist entscheidend, dass bei der Standortsuche die Sicherheit im Zentrum steht. Dies verlangt nicht nur das Gesetz, das ist auch tief in der Nagra-Kultur verankert. Und diese Tatsache wurde in der Region Nördlich Lägern und darüber hinaus anerkannt.

Wo und wie haben Sie seit der Bekanntgabe des Vorschlags mit den Menschen in der Region diskutiert, und wie haben Sie diese Diskussionen erlebt?

Braun: Nach dem Standortvorschlag haben wir in Windlach während sieben Monaten einen Infopavillon betrieben. Ich habe dort persönlich spannende Gespräche mit Anwohnerinnen und Anwohnern führen dürfen. Mich hat beeindruckt, dass uns viele Betroffene konkrete Anregungen mitgegeben und Fragen gestellt haben. Zusätzlich haben wir unseren Vorschlag an Regionalkonferenzen, an Informationsanlässen in der Region und in den sozialen Medien erläutert.

«Aus meiner Sicht ist entscheidend, dass bei der Standortsuche die Sicherheit im Zentrum steht. Dies verlangt nicht nur das Gesetz, das ist auch tief in der Nagra-Kultur verankert.»


Lino Guzzella, Präsident

Wie eindeutig war denn der Entscheid für Nördlich Lägern?

Braun: Der Entscheid war eindeutig. Ich bin froh, dass die geologischen Gegebenheiten eine klare Entscheidung ermöglichten. Die Unterschiede zwischen den Standorten sind für Fachleute deutlich zu erkennen und auch für Nichtgeologen nachvollziehbar.
Guzzella: Gleichzeitig hatte die Nagra ein «Luxusproblem»: Schliesslich hat sich bestätigt, dass sich alle drei Standortgebiete für ein Tiefenlager eignen und die vorgegebenen Grenzwerte weit unterschreiten würden. In Nördlich Lägern sind aber die Sicherheitsreserven einfach am grössten. Diese Erkenntnis verdanken wir den engagierten Mitarbeitenden der Nagra, die über viele Jahre auf diesen Meilenstein hingearbeitet haben – für diese exzellente Arbeit möchte ich im Namen der Verwaltung noch einmal allen heutigen und ehemaligen Mitarbeitenden unseren Dank aussprechen.

Für Irritation hat allerdings gesorgt, dass die Nagra genau dieses Standortgebiet noch 2015 zurückstellen wollte.

Braun: Ja, dass unser Vorschlag manche überrascht hat, kann ich verstehen. Wir haben seit 2015 viel dazugelernt. Damals konnten wir nicht ausschliessen, dass es bei der Bautechnik Probleme geben könnte. Diese Bedenken konnten wir ausräumen, weil wir heute sehr viel mehr Daten haben als damals. Aus heutiger Sicht waren wir damals zu vorsichtig – gut, haben die Behörden darauf gepocht, dass wir nicht nur Jura Ost und Zürich Nordost vertieft untersuchen, sondern auch Nördlich Lägern.
Guzzella: Für mich ist dieser Entscheid ein Beweis dafür, dass das Sachplanverfahren funktioniert und dass im Dialog zwischen Regionen, Behörden und der Nagra die beste Lösung gefunden wird.

Die deutsche Expertengruppe Schweizer Tiefenlager (EScht) hat der Nagra für ihren Standortvorschlag
ein gutes Zeugnis ausgestellt, und auch die Kantone haben sich positiv geäussert. Hat Sie das überrascht?

Braun: Wir haben die Expertinnen und Experten der Kantone laufend über unsere Arbeit, insbesondere die Tiefbohrungen, informiert, ihnen unsere Daten gezeigt und diese mit ihnen diskutiert. Unser Vorschlag war für die Kantone keine Überraschung, da sie dank unseren Daten ihre eigenen Schlüsse ziehen konnten und offenbar zum gleichen Ergebnis gekommen sind wie wir bei der Nagra. Das Urteil der deutschen EScht hat uns darin bestätigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.
Guzzella: Mir ist die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit allen Betroffenen wichtig, auch mit den Nachbargemeinden auf deutscher Seite. Wir sind daher froh, dass die deutschen Experten unsere Argumentation als korrekt erachten.

«Unser Vorschlag war für die Kantone keine Überraschung. Sie konnten ihre eigenen Schlüsse ziehen und sind zum gleichen Ergebnis gekommen.»


Matthias Braun, CEO

Andere Stimmen monierten jedoch, dass der Vorschlag kommuniziert wurde, bevor alle wissenschaftlichen Berichte vorliegen.
Guzzella: Wir möchten die Betroffenen nicht vor vollendete Tatsachen stellen. Es war daher richtig, dass die Nagra den Vorschlag schon im Herbst 2022 kommunizierte und das Rahmenbewilligungsgesuch nicht im stillen Kämmerlein ausarbeitet. Durch diese frühe Kommunikation haben wir die nötige Transparenz geschaffen und können nun beim Verfassen des Rahmenbewilligungsgesuchs auf Anliegen der tatsächlich betroffenen Region eingehen. Nachdem der Standortvorschlag nun vorliegt: Was hat sich für die Nagra verändert, was ist gleich geblieben?
Braun: Verändert hat sich, dass wir jetzt nicht mehr immer im Konjunktiv reden müssen. Ganz ehrlich: Für mich ist das eine Erleichterung. Das Projekt ist konkreter geworden, wir arbeiten mit der Region bereits an Lösungen für verschiedene Herausforderungen. Ich beobachte, dass durch die Region ein Ruck gegangen ist, die lokalen Behörden sehr aktiv geworden sind und das Heft in die Hand genommen haben. So organisierten beispielsweise die Gemeinden Stadel, Weiach und Glattfelden im letzten Herbst einen Anlass mit dem ehemaligen Gemeindepräsidenten von Sedrun. In Sedrun gab es bis vor ein paar Jahren eine Grossbaustelle für die NEAT. An dem Anlass ging es darum, wie eine Gemeinde mit einem Grossprojekt umgehen kann und soll, welches die Chancen und Risiken sind. Diese initiative Haltung der Gemeinden begrüsse ich. Aufgefallen ist mir auch, dass die Fragen konkreter geworden sind: Die Anwohnerinnen und Anwohner wollen wissen, wo die Lastwagen durchfahren. Die Sportschützen fragen, ob sie ihren Schiessstand weiterhin nutzen können – das können sie! Und andere interessieren sich dafür, wo die Bauleute unterkommen werden. Viele Fragen können wir im Grundsatz schon beantworten, auf andere werden wir gemeinsam mit der Region Antworten finden. Unsere Aktivitäten verlagern sich immer mehr in die Standortregion. Eines Tages wird die Nagra selbst in die betreffende Gegend ziehen. Noch ist es aber nicht so weit.
Guzzella: Gleichzeitig wird sich die Nagra als Organisation verändern. Nach Jahrzehnten der Forschung und aufwendigen Standortsuche wird es in Zukunft darum gehen, das Projekt genauer zu planen und umzusetzen. Diese Veränderungsprozesse werden über längere Zeiträume stattfinden. Die Verwaltung wird sicherstellen, dass die nötigen Ressourcen und Strukturen zur Verfügung stehen. Ich freue mich sehr auf diese Entwicklungen.
Blicken wir in die Zukunft: Was sind die Schwerpunkte in den nächsten Jahren?
Braun: Wir erarbeiten nun das Rahmenbewilligungsgesuch, das wir Ende 2024 einreichen wollen. Wir müssen uns bewusst sein: Es gibt in diesem Projekt keine Abkürzungen – bei der Sicherheit darf es keine Kompromisse geben. Gleichzeitig wollen wir mit den Menschen in der Region noch enger als bisher zusammenarbeiten und sie auf keinen Fall alleinlassen.
Guzzella: Die Verwaltung der Nagra will die wissenschaftliche und technische Kompetenz beibehalten – dafür werden wir die notwendigen Rahmenbedingungen sicherstellen. Daneben soll aber auch die Leistungsfähigkeit der Nagra auf Projektebene weiter gesteigert werden. In der Verwaltung ziehen wir alle am gleichen Strick, und auch die Zusammenarbeit mit den Behörden und der Region erachte ich als zielführend
und gut. Gemeinsam werden wir das Ziel erreichen: ein sicheres Tiefenlager.

Nagra Geschäftsbericht 2022


Das Interview ist Teil des Geschäftsberichts 2022. Lesen Sie weitere spannende Geschichten in der vollständigen Ausgabe.

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