Vom Konflikt zwischen Natur- und Umweltschutz


Der Dokumentarfilm «Bahnhof der Schmetterlinge» erzählt vom Seilziehen um ein Ökosystem – und von Zielkonflikten. Und wirft dabei grundlegende Fragen auf: Dürfen Massnahmen gegen den Klimawandel auf Kosten des Naturschutzes gehen? Auch im Haberstal in Stadel geht es um gewichtige Fragen im Zusammenhang mit dem Endlager – und doch ist dort alles ganz anders.

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Es ist eine Geschichte von David gegen Goliath: Insekten, Reptilien und Pflanzen gegen Schiffe, Lastwagen und Güterzüge. Es ist aber auch eine Geschichte, die exemplarisch für eine aktuelle Debatte steht: Ist Umwelt- oder Naturschutz wichtiger? Auf dem Gelände des stillgelegten Badischen Rangierbahnhofs hat sich über zwei Jahrzehnte ein wertvolles Ökosystem gebildet. Ein schützenswerter Ort. Doch nun soll dort ein grosses Containerterminal für Schiff, Zug und Lastwagen entstehen mit dem Ziel, den Güterverkehr vermehrt von der Strasse auf die Schiene zu bringen. Was passiert, wenn sich die Wegnetze der Menschen und der Natur in die Quere kommen? Davon erzählt der Dokumentarfilm «Bahnhof der Schmetterlinge».

Ein Ökosystem von nationaler Bedeutung

Ende der 1980er-Jahren legte die Deutsche Bahn den alten Rangierbahnhof komplett still. Seither hat die Natur das Areal zurückerobert. Heute ist es der grösste Trockenstandort der Region, auf dem rund 600 Insekten- und 400 Pflanzenarten leben, davon sind 100 auf der roten Liste. Etwa der Alexis-Bläuling, der ausserhalb der Alpen fast ausgestorben ist. Die intensive Landwirtschaft und der Wohnungsbau haben dem Lebensraum der Schmetterlingsart zugesetzt. Ohne die Population auf dem alten Rangierbahnhof verschwindet der Alexis-Bläuling über kurz oder lang aus dem nördlichen Alpenraum. Auch andere Pflanzen- und Tierarten profitieren vom trockenen und warmen Lebensraum, weshalb das Areal in Basel ein Naturschutzgebiet mit nationaler Bedeutung ist – besser geschützt ist einzig der Nationalpark. Seine Grösse und Lage machen den Bahnhof nicht nur für die Region wertvoll, sondern für die gesamte nördliche Schweiz: Grosse und stabile Gebiete sind die Grundlage dafür, dass Tiere und Pflanzen kleinere Gebiete in der Nähe bevölkern und langfristig ihren Bestand sichern können. Solche Lebensräume geraten in der Schweiz immer mehr unter Druck, die Biodiversität ist bedroht.

Von der Strasse auf die Schiene

Auf der anderen Seite der Debatte steht das Grossprojekt Gateway Basel Nord. Das Terminal, ein Hauptbahnhof für Container, soll zum Umweltschutz beitragen. Denn die Klimabilanz des Güterumschlags in Basel sei aktuell katastrophal, sagt Jon Pult, Präsident des Vereins Alpeninitiative, vor der Kamera. Die Verlagerung des Gütertransports von der Strasse auf die Schiene ist eine wichtige Massnahme, um die Ziele des Pariser Klimaabkommens zu erreichen. Heute jedoch werden nur 10 Prozent der Güter, die mit dem Schiff in Basel ankommen, auf die Schienen verlagert. Der grosse Rest wird auf der Strasse weitertransportiert. Der Grund: Wegen Platzmangels kann die SBB Cargo heute die Güterzüge nicht zentral an einem Ort beladen. Der Verlad vom Schiff auf den Zug ist komplizierter und damit teurer als der Transport mit dem Lastwagen. Mit dem neuen, grossen Terminal würde der Verlad auf die Schienen günstiger und somit attraktiver.

Welche Lebensräume dürfen wir preisgeben?

Für Bauherren und Naturschützer ist das Seilziehen um den alten Badischen Bahnhof ein Präzedenzfall. Der politische Entscheid wurde gefällt: 2020 nahm die Basler Stimmbevölkerung das Projekt an. Doch juristisch ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Laut Bundesverordnung darf ein solches Schutzgebiet nur unter drei Bedingungen zerstört werden: Das Projekt muss an den Standort gebunden sein. Es muss ein übergeordnetes, nationales Interesse daran bestehen. Und die Bauherrschaft muss gleichwertige Ersatzlebensräume für Pflanzen und Tiere schaffen. Der Naturschutzverein Pro Natura ist der Ansicht, dass die von der Bauherrschaft vorgeschlagenen Ersatzlebensräume nicht gleichwertig und daher ungeeignet sind. Ihr Fazit: Der Hafen muss an einem anderen Standort realisiert werden. Auch auf der Gegenseite ist man überzeugt: Es gibt kein anderes geeignetes Areal. Und das Bundesamt für Verkehr? Es hat noch keinen Entscheid gefällt. Falls es das Projekt bewilligt, werden die Umweltverbände vor Gericht gehen. Der Ausgang der Geschichte ist also offen. Es bleibt die grundlegende Frage der beiden Filmemacher Daniel Ballmer und Martin Schilt zurück: Welche Räume dürfen wir zu welchen Zwecken preisgeben? Es ist auch eine Frage, welche die Nagra umtreibt.

Dokumentarfilm «Bahnhof der Schmetterlinge» bei SRF


«Fruchtfolgeflächen sind keine Naturschutzgebiete»


Die Geschichte des Badischen Rangierbahnhofs ist eine andere als diejenige des Tiefenlagers – Zielkonflikte zwischen Natur- und Umweltschutz gibt es hier weniger. Seraina Kauer, Fachspezialistin Raumplanung und Umwelt bei der Nagra, spricht über den ökologischen Nutzwert im Haberstal und Fruchtfolgeflächen.

Der Dokumentarfilm «Bahnhof der Schmetterlinge» zeigt einen Konflikt zwischen Umwelt- und Naturschutz auf. Gibt es Parallelen zum geplanten Bau des Tiefenlagers?

Aus Sicht der Ökologie kann man wenig bis keine Parallelen ziehen. Der stillgelegte Rangierbahnhof lag 20 Jahre unberührt da, die Natur konnte sich frei entfalten. Das ist eine komplett andere Ausgangslage als im Haberstal, wo intensive Landwirtschaft betrieben wird. Hier stehen eher die Erhaltung von Fruchtfolgeflächen und der Landschaftsschutz im Fokus: Also die Frage, wie wir die Oberflächenanlagen möglichst platzoptimiert und verträglich in die Landschaft eingliedern. In diesem Prozess achten wir darauf, dass die Gebäude die Lebensräume der vorhandenen Lebewesen und Pflanzen möglichst wenig stören und Lebensräume erhalten bleiben.

Seraina Kauer, Fachspezialistin Raumplanung und Umwelt bei der Nagra

Was ist die ökologische Ausgangslage im Haberstal?

Die Fruchtfolgeflächen im Haberstal sind aus landwirtschaftlicher Sicht wertvoll, aber sie haben einen viel geringeren ökologischen Wert, als beispielsweise Naturschutzgebiete. Bei Fruchtfolgeflächen handelt es sich mehrheitlich um intensiv genutzte Landwirtschaftsflächen, bei denen auch Dünger und Pflanzenschutzmittel zum Einsatz kommen. Mit dem Bau des Tiefenlagers auf solchen Flächen würden somit keine schützenswerten Lebensräume zerstört.

Im Film «Bahnhof der Schmetterlinge» müssen die Initianten nach Ersatzlebensräumen suchen. Wie ist das beim Tiefenlager?

Es wird sicher Ausgleichs- und Ersatzmassnahmen geben. Die Fruchtfolgeflächen, die wir für den Bau des Tiefenlagers benötigen, müssen wir beispielsweise mit gleichwertigen Ackerflächen ersetzen, das ist gesetzlich vorgeschrieben. Zu dem Zweck könnten qualitativ schlechtere Böden aufgewertet werden.

Gibt es auch Lebensräume, die durch das Tiefenlager respektive die Ausgleichs- und Ersatzmassnahmen profitieren?

Ja, das kann man so sagen. Ein Beispiel: Der Dorfbach fliesst aktuell in einer relativ engen, geraden Rinne. Entsprechend gilt der Bachabschnitt bezüglich der Gewässerökologie als «stark beeinträchtigt». Mit dem Bau des Tiefenlagers könnte er renaturiert und dadurch ökologisch aufgewertet werden. Davon würde das gesamte Ökosystem profitieren. Dies ist jedoch erst eine Idee, welche fürs Bauprojekt noch im Detail ausgearbeitet und mit den Behörden koordiniert werden müsste.

Grasfrosch im Haberstal

Was sind Fruchtfolgeflächen?


Als Fruchtfolgeflächen bezeichnet man das beste landwirtschaftliche Kulturland. Es macht rund 40 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche aus und dient der Ernährungssicherheit. Diese landwirtschaftlich wertvollen Flächen sind geschützt. Nur wenn ein grosses öffentliches Interesse besteht, dürfen sie beansprucht werden. In diesem Fall müssen sie gleichwertig ersetzt werden.

Bilder: Lucky Film GmbH, Zürich / Nagra

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