Wo sind unsere radioaktiven Abfälle?


Ein Tiefenlager hat die Schweiz noch keins, gefährliche Abfälle jedoch schon. Nur: Wo sind die eigentlich?

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Wissen Sie, was «Zwilag» bedeutet?

Nein? Das kann eigentlich als gutes Zeichen gedeutet werden. Es bestätigt nämlich, dass die radioaktiven Abfälle der Schweiz sicher zwischengelagert werden, bis das Tiefenlager bereitsteht. «Zwilag» steht kurz für: Zwischenlager.

Hätte es im Zwischenlager einmal einen bedeutenden Zwischenfall gegeben – Stichwort Radioaktivität –, dann wäre Ihnen diese Meldung inklusive der Bezeichnung «Zwilag» wohl kaum entgangen.

Sicherheit – aber «nur» für Jahrzehnte

Die radioaktiven Abfälle der Schweiz lagern heute entweder noch bei den Kernkraftwerken oder eben im Zwilag im aargauischen Würenlingen. Das wirft die nächste Frage auf: Wenn der radioaktive Abfall der Schweiz im Zwischenlager so gut aufgehoben ist, wofür braucht es dann überhaupt ein Tiefenlager?

Zunächst einmal: Radioaktive Abfälle sind sehr gefährlich – und bleiben es noch weit über unseren Tod hinaus. Entsprechend sorgfältig muss mit ihnen umgegangen werden.

Kurz- und mittelfristig bietet das Zwischenlager die erforderliche Sicherheit. Es muss aber ständig bewacht und unterhalten werden. Genau hier liegt das Problem: Nur mit einer stabilen Gesellschaft ist der sichere Betrieb eines Zwischenlagers zu bewerkstelligen. Was aber, wenn Krisen von globalem Ausmass die heutige Stabilität gefährden oder gar ausradieren?

Das Zwischenlager in Würenlingen. Direkt nebenan liegt die Aare und im hinteren Teil des Bildes sind noch Teile des Kernkraftwerks Beznau erkennbar.
In diesen 140 Tonnen schweren Kolossen lagern die hochaktiven Abfälle.

Abwarten und hoffen: Ist das fair?

Hinzu kommen ethische Bedenken: Wenn wir die Abfälle in der Hoffnung zwischenlagern, dass es in Zukunft irgendwann eine bessere Lösung für die Entsorgung gibt, so schieben wir die Verantwortung, gemeinsam mit dem Abfall, den nächsten Generationen in die Schuhe. Wäre das unseren Nachkommen gegenüber fair?

Fakt ist: Mensch und Umwelt müssen für Hunderttausende von Jahren vor hochaktiven Abfällen aus Kernkraftwerken geschützt werden. Daher können sie nicht langfristig an der Oberfläche bleiben. In einem Tiefenlager sind die Abfälle passiv – das heisst ohne menschliches Zutun – sicher. Denn die Geologie ist stabiler als die Gesellschaft.

Das Zwischenlager trägt seinen Namen daher zurecht: Es ist und bleibt eine Zwischenlösung.

Kompetenzzentrum für radioaktive Abfälle

Das Zwischenlager Würenlingen existiert mittlerweile seit 25 Jahren. Wie später beim Tiefenlager, steht auch beim Zwilag die Sicherheit an oberster Stelle. Die Anlage muss beispielsweise schweren Erdbeben, Flugzeugabstürzen oder Bränden trotzen und wird streng bewacht.

In der Umgebung sind Messtellen zur Ermittlung der Radioaktivität installiert. Ein erhöhter Wert wurde noch nie gemessen. Stattdessen lädt direkt neben dem Zwilag sogar ein Wanderweg zum Flanieren an der Aare ein.

Zwischenlagerung in der Schweiz

Genau genommen gibt es in Würenlingen übrigens zwei Zwischenlager: Direkt neben dem Zwilag liegt das Bundeszwischenlager BZL. Dort werden die radioaktiven Abfälle des Bundes aus Medizin, Industrie und Forschung zwischengelagert.

Auf dem Kraftwerksgelände des Kernkraftwerks Beznau steht das Zwischenlager ZWIBEZ. Darin lagern ebenfalls abgebrannte Brennelemente sowie schwachaktive Abfälle. Beim Kernkraftwerk Gösgen wird ausserdem ein sogenanntes Nasslager für abgebrannte Brennelemente betrieben. Dieses Wasserbecken dient gleichzeitig der Abschirmung und der Kühlung.

Das Zwischenlager Würenlingen ist heute knapp halb voll. Seine Kapazität reicht für sämtliche Abfälle aus dem Betrieb und der Stilllegung der Schweizer Kernkraftwerke. Dies gilt für das Szenario, bei dem die verbleibenden Kernkraftwerke 60 Jahre in Betrieb sind.

Bilder: Zwilag / Nagra

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