Im Theaterstück «Au clair de la lune» begegnen sich Godzilla, Miss Atomic Bomb und Louis Réard, der Erfinder des Bikinis. Diese ungleichen Figuren bilden eine skurrile Task Force, welche die Nachwelt vor dem Atommülllager warnen soll – begleitet werden sie dabei von den Klängen des titelgebenden Kinderlieds.
Regisseurin Nina Halpern inszeniert das Stück im Südpol Kriens. Sie und ihr dreizehnköpfiges Team nähern sich dem ernsten und schwer greifbaren Thema namens Atommüll mit einem lustvollen Mix aus wissenschaftlicher Recherche, Humor und einer gehörigen Portion Popkultur an.
Wir haben Nina Halpern während den letzten Vorbereitungen im Südpol Kriens zum Gespräch getroffen. Es führte uns von der Vergangenheit zur Vergänglichkeit – und zeigte auf, wie bei gesellschaftlichen Konflikten Wissenschaft und Absurdität verschmelzen.
Frau Halpern, zu den Klängen des französischen Volkslieds «Au clair de la lune» denken wohl die wenigsten Menschen an Atomsemiotik – also daran, wie man unsere Nachfahren vor einem Endlager warnt. Was war die Grundidee hinter diesem Theaterstück?
Am Anfang stand die Frage: Wie kann man etwas vermitteln, das in 100’000 Jahren noch verstanden wird? Der einzig sinnvolle Ansatz ist ein Blick in die Vergangenheit, um zu sehen, was uns von früheren Zivilisationen überliefert wurde.
Was hat dieser Blick offenbart?
Nicht sehr viel. Die Hieroglyphen konnten wir nur durch Zufall übersetzen, weil der Rosetta-Stein entdeckt wurde. Über die Bedeutung von Höhlenmalereien können wir nur spekulieren.
Die allererste Tonaufnahme konnte digital rekonstruiert werden. Das Ergebnis davon war ehrlich gesagt enttäuschend. Die Aufnahme des Liedes «Au clair de la lune» – daher der Titel unseres Stücks – ist gerade noch so zu erahnen. Diese Aufnahme ist aber nicht tausende von Jahren alt, sondern stammt aus dem Jahr 1860.
Wir haben festgestellt, dass verschiedene Gründe dazu führen, weshalb Informationen nicht überliefert werden.
Was sind das für Gründe?
Unsere vier Thesen sind: Die Ignoranz der Menschen, die sehr selektiv mit Informationen umgehen. Dann die Verständlichkeit: Es gibt Dinge, die kann man nicht oder nur schwer überliefern. Hinzu kommen Vergesslichkeit und Unvollständigkeit. An diesen vier Thesen hangeln sich unsere Protagonistinnen und Protagonisten in der Geschichte entlang.
Damit wären wir bei den Figuren angelangt, die eine etwas schräge Task Force bilden.
Da hätten wir den radioaktiven Godzilla, dann die Miss Atomic Bomb – eine geniale Kernphysikerin, die in der Geschichte aber nur als Siegerin eines Schönheitswettbewerbs in Erinnerung blieb, sowie Louis Réard, der den Bikini erfand, inspiriert von Atomtests auf dem Bikini Atoll.
Diese drei Figuren sollen herausfinden, wie man den Atommüll für die Ewigkeit kennzeichnen kann. Wir schicken sie voller Hoffnung auf eine Reise, die zum Scheitern verurteilt ist.
Zu Besuch bei Regisseurin Nina Halpern
Nun ist Atommüll nicht gerade ein Gassenfeger. Woher kommt eure Faszination für dieses schwer greifbare Thema?
Die Faszination liegt in der Grössendimension. Atommüll geht uns alle an, auch wenn alle froh sind, wenn er nicht in der eigenen Gemeinde gelagert wird. Die Radioaktivität ist zudem nicht sichtbar. Daher assoziiert man dieses Thema meistens mit Katastrophenbildern – auch ich habe dann oft Tschernobyl im Kopf.
In unserer Geschichte jedoch soll die Gefahr für einmal nicht an vorderster Stelle stehen. Das Lustvolle an unserem Stück ist es, dass skurrile Figuren ohne wissenschaftlichen Background diese unlösbare Aufgabe erhalten, weil die Wissenschaft daran gescheitert ist.
Die Wissenschaft ist gescheitert? Das klingt ziemlich deprimierend…
Man könnte an diesem Problem verzweifeln. Doch genau das wollen wir nicht. Wir wollen lustvoll und humorvoll an die Sache gehen. Denn wenn man die Sache ganz durchdenkt, dann ist es überhaupt nicht lustig. Unser Stück setzt hier bewusst einen Kontrapunkt.
Gleichzeitig haben wir bei unserer Arbeit herausgefunden, dass unsere Möglichkeiten, etwas zu überliefern, sehr begrenzt sind. Ich war kürzlich an einer Familienfeier. Eine Frau hat erzählt, dass sie die Kleider und Spielsachen ihrer Kinder im Keller aufbewahrt hat. Sie wollte, dass sie diese Sachen später ihren Enkelkindern geben kann. Dann kam ein Hochwasser und hat den ganzen Keller mit Schlamm gefüllt. Sie musste alles wegwerfen.
Ihnen wurde in einem Artikel eine «forschende Herangehensweise» nachgesagt: Sind Sie bis spät in die Nacht hinein bei wenig Licht in Bücher und Onlineforen vertieft oder wie dürfen wir uns das vorstellen?
(lacht) Nein, gar nicht. Vor der Theaterpädagogik habe ich Kunstgeschichte und Religionswissenschaften studiert. Von daher interessiere ich mich schon sehr für die Geschichte, aber die Recherche überlasse ich gerne anderen. Für das ist Christoph Fellmann zuständig, der den Text geschrieben hat. Er ist es, der ganz tief in die Materie eintaucht. Ab da entwickeln wir den Text gemeinsam mit dem Team weiter. Meine Stärke sehe ich darin, den Text anschliessend auf die Bühne zu übersetzen. Diese Verwandlung, das ist meine Forschungsarbeit.
In dieser Geschichte ist es ja so: Man liest sie und denkt, das ist alles Fiktion. Das ging auch mir so. Dann bin ich den Quellenangaben gefolgt und habe gemerkt, wie viel Wahrheit darin steckt. Das ist das Schöne an unserer Menschheitsgeschichte: Es steckt so viel Absurdität darin.
Zur Person
Nina Halpern studierte Kunstgeschichte und Religionswissenschaften an der Universität Zürich. In Heidelberg liess sie sich zur Theaterpädagogin ausbilden. Seit 2012 ist Halpern freischaffend als Theaterpädagogin und Regisseurin tätig und hat über 40 Projekte im In- und Ausland realisiert. Zudem leitet sie das Basler Theaterkollektiv «Reactor», das sich auf interaktive Medien- und Theaterformen spezialisiert hat. Nina Halpern hat zwei Kinder und lebt mit ihrer Familie in Luzern.
Wie wichtig ist es Ihnen bei Ihren Stücken, dass in all der Absurdität auch die Wahrheit nicht zu kurz kommt?
Die Absurdität ist Teil der Realität, und damit der Wahrheit. Und da kommt das Theater ins Spiel: Ich denke, dass das Theater – oder die Kunst allgemein – die Chance bietet, gesellschaftsrelevante Themen zu behandeln. Auf eine Art und Weise, die emotional berührt und trotzdem fantastische Welten eröffnet. Wir dürfen diese Utopien spinnen und gleichzeitig die Brutalität unserer Welt offen und ehrlich in Szene setzen. Die Kunst soll Fragen aufwerfen, kritisch sein, aber auch Hoffnung geben und Diskussionen in den Alltag tragen.
Die gesellschaftlichen Konflikte reizen Sie. Wo sehen Sie in «Au clair de la lune» die grössten Konflikte?
Dazu ein Beispiel: An einem Punkt im Stück schlägt die Task Force vor, dass jeder Haushalt einen Mini-Reaktor betreibt. Die Folge davon: Jeder Mensch produziert nun seinen eigenen Atommüll, um den er sich kümmern muss. Es wird eine Dringlichkeit geschaffen und an die Eigenverantwortung appelliert. Doch das ist natürlich nicht zu Ende gedacht.
Ein Blick in die Realität zeigt: Viele Menschen entsorgen ihre Abfälle nicht korrekt. Manche schmeissen sie einfach in den Wald. Dann müssen sich wieder andere darum kümmern. Für mich ist das unverständlich. Das ist doch mega asozial und egoistisch, oder? Aber es ist leider die Realität. Ich fände es daher sehr fatal, wenn sich jeder Mensch um den eigenen Atommüll kümmern müsste.
Es gibt aber noch einen weiteren Aspekt, der mich sehr gereizt hat.
Der wäre?
Wir machen ein unsichtbares Thema sichtbar. Die grösste Assoziation, die wir zum Atommüll haben, stammt von den Simpsons. Wir hören Atommüll, wir denken an Homer, wie er mit dem grünen Stab herumrennt. Das Bild dieses grünen Brennstabs hat sich in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt. Weil uns die echten Berührungspunkte mit diesem Thema fehlen.
Hat die Arbeit an diesem Stück Ihre Sichtweise auf das Atommüllproblem verändert?
Ich habe ja insgeheim gehofft, dass ich irgendwann der Nagra anrufen und sagen kann: «Hey, wir haben die Lösung gefunden!» (lacht)
Aber nein – ich gehe nicht optimistischer aus dieser Geschichte heraus. Oft ertappe ich mich beim Gedanken: «100’000 Jahre? Das ist doch eh noch so weit weg.»
Was bleibt, ist eine grössere Sensibilisierung. Ich hatte ab und zu das Gefühl, der Zeithorizont sei so gross, dass mich das Thema gar nicht betrifft. Aber genau diese Haltung ist ja Teil des Problems.
Au clair de la lune
Das Stück «Au clair de la lune» ist an sechs Daten exklusiv im Südpol Kriens zu sehen. Es feiert Premiere am Freitag, 26. September um 19.30 Uhr. Der Eintritt kostet 25 Franken.
Die weiteren Daten:
Sonntag, 28. September, 18.00 Uhr
Montag, 29. September, 19.30 Uhr
Dienstag, 30. September, 19.30 Uhr
Mittwoch, 1. Oktober, 19.30 Uhr
Donnerstag, 2. Oktober, 19.30 Uhr
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