Haben Sie schon mal einen roten Raben gesehen?
Höchstwahrscheinlich nicht. Sind also alle Raben schwarz?
Nun zögern Sie vermutlich mit der Antwort.
Ein Ja würde bedeuten, dass alle gegenwärtigen, vergangenen und künftigen Raben auf der Welt und im übrigen Universum schwarz sind, waren und sein werden. Um das zu beweisen, müssten sämtliche Raben räumlich und zeitlich überblickt werden.
Doch selbst bei der Beschränkung auf die Erde und die Gegenwart: Durch Beobachtung lässt sich nicht feststellen, ob jeder einzelne Rabe schwarz ist.
«Alle Raben sind schwarz»: Die Aussage lässt sich somit nicht zu 100 Prozent bestätigen.
Grosse Überraschung in Australien
Zwar lehrt uns die bisherige Erfahrung, dass wahrscheinlich alle Raben schwarz sind und es kein rotes Exemplar gibt. Aber sobald ein solches gefunden wird, ist obige Aussage widerlegt. Der rote Rabe lässt sich nicht ausschliessen – es könnte ihn geben.
Genau das passierte in der Vergangenheit mit einem anderen Vogel – dem Höckerschwan (lat. Cygnus olor). Ursprünglich kam der weisse Schwan nur in Nordosteuropa und Teilen Asiens vor. In königlichen Parks als Ziervogel gehalten, breitete er sich später auch in Mittel- und Westeuropa aus.
Daher galt die Aussage «Alle Schwäne sind weiss» in Europa lange Zeit als unverrückbare Wahr- und Gewissheit. Doch im Jahr 1697 änderte sich das schlagartig. Damals entdeckten niederländische Seefahrer in Westaustralien den ersten schwarzen Schwan.
Heute wird der Trauer- oder Schwarzschwan (lat. Cygnus atratus) in Europa als Ziervogel gehalten. Manche von ihnen wurden ausgesetzt oder sind ausgebüxt und leben daher in freier Natur, so etwa im Bodensee.
Sicherheit und Wissen schaffen
Ist das hier ein vogelkundlicher Text?
Nein. Es geht um den Kern von Wissenschaft – um ihre Voraussetzungen und Grenzen. «Was kann ich wissen?»: Für Immanuel Kant war das eine der Grundfragen der Philosophie. Wie gelangt man also zu Erkenntnissen, und wie sicher sind diese?
Solche grundlegenden Fragen sind auch für die Nagra von zentraler Bedeutung. Denn Planung und Bau des Tiefenlagers zur Entsorgung radioaktiver Abfälle basieren auf Wissenschaft. So hat die Nagra die Geologie der Schweiz erforscht, um den sichersten Ort für das Lager zu finden.
Aber wie sicher sind all diese Erkenntnisse, gewonnen über Jahrzehnte? Die Nagra gibt es seit 1972. Und im Rückblick zeigt sich: Es gab auch Vermutungen und Annahmen, die sich später als falsch herausstellten.
So stiess die Nagra zum Beispiel 1983 während der Tiefbohrung in Weiach im Zürcher Unterland auf Unerwartetes – auf einen Schwarzen Schwan. Statt in 1000 Metern Tiefe wie erwartet auf das kristalline Grundgebirge zu treffen, wurden weitere Ablagerungen gefunden. Diese Sedimente gehören zum sogenannten Permokarbontrog.
Wissen ist immer provisorisch
Die Entdeckung schwarzer Schwäne im 17. Jahrhundert führte später dazu, dass der Schwarze Schwan zur Metapher wurde. Zu einem Ausdruck für etwas, das als unmöglich oder gar ausgeschlossen gilt, dann aber trotzdem eintritt.
In der Wissenschaft bewirkt ein Schwarzer Schwan einen – meist abrupten – Zuwachs an Erkenntnis. Zum Beispiel, dass eben nicht alle Schwäne weiss sind. Und grundsätzlich lehrt er, dass Wissen stets provisorisch ist. So ist etwas nur so lange wahr, bis das Gegenteil gezeigt wird.
Schwarze Schwäne gibt es also, weil durch Beobachtung nicht bewiesen werden kann, dass alle Schwäne weiss sind. Das ist die zentrale Schwierigkeit der sogenannten Induktion in den empirischen Wissenschaften, die auf Beobachtung und Erfahrung beruhen.
Induktion bedeutet, dass man von einzelnen beobachteten Schwänen darauf schliesst, dass sie alle weiss sind. Zwar mag die bisherige Erfahrung diesen Schluss nahelegen. Doch ob die allgemeine Aussage «Alle Schwäne sind weiss» wirklich wahr ist, lässt sich nicht abschliessend verifizieren.
Blind gegenüber bösen Überraschungen
Nassim Nicholas Taleb nennt in seinem Buch «Der Schwarze Schwan: Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse» den 11. September als Beispiel. Für den Mathematikprofessor und ehemaligen Börsenhändler hat ein Schwarzer Schwan drei Eigenschaften.
Erstens ist er ein statistischer Ausreisser, der weit ausserhalb des Erwarteten liegt. Zweitens hat er massive Auswirkungen. Und drittens werden für sein Erscheinen im Nachhinein Erklärungen konstruiert, die ihn als erklär- und vorhersehbar erscheinen lassen.
Taleb spricht von einer «Blindheit gegenüber dem Zufall». Also gegenüber grossen Abweichungen von dem, was man aufgrund der Erfahrung erwartet. Und weil Schwarze Schwäne unerwartet auftauchen, niemand mit ihnen rechnet, werden sie verschlimmert – oder gar erst verursacht. Sie werden zur bösen Überraschung.
«Ist es nicht erstaunlich, dass ein Ereignis gerade deshalb eintreten kann, weil niemand davon ausgeht, dass es passieren kann?», schreibt er. Hätte man vor 9/11 mit solchen Flugzeugentführungen gerechnet, hätte man kugelsichere Cockpit-Türen eingebaut und so die Katastrophe womöglich verhindert. Oder hätte man mit einem so zerstörerischen Tsunami wie 2011 in Japan gerechnet, dann wären die Kernkraftwerke vielleicht nie direkt am Ozean gebaut worden.
«Was wir wissen, kann uns nicht wirklich verletzen», schreibt Taleb. Da sich Schwarze Schwäne aber nicht vorhersagen lassen, «müssen wir uns auf ihre Existenz einstellen, statt so naiv zu sein, sie vorhersagen zu wollen».
Die schwarzen Wasservögel entstehen ihm zufolge in der Kluft zwischen dem, was wir wissen, und dem, was wir zu wissen glauben. Ist diese Kluft gross, wird es gefährlich. Man dürfe den Ausreisser, den Extremfall, daher nicht als Ausnahme behandeln und unter den Teppich kehren.
Vom Schlimmsten ausgehen
Wie geht die Nagra mit dem Schwarzen Schwan um? Auch sie weiss zwar nicht, ob es ihn wirklich gibt. Aber sie muss eine Vorstellung von ihm haben und versuchen, ihn möglichst nicht auszuschliessen. Also bezieht sie ihn ein in ihre Was-wäre-wenn-Überlegungen. Sie nimmt das Unwahrscheinliche, gar Undenkbare an und rechnet somit selbst mit dem Schlimmsten.
Gletscher künftiger Eiszeiten legen das Tiefenlager komplett frei. Oder: Quer durch die Lagerstollen in rund 800 Metern Tiefe tut sich eine Spalte auf und bleibt offen, sodass grosse Mengen Wasser zu den radioaktiven Abfällen gelangen.
Zwar gelten solche Szenarien aufgrund der bisherigen geologischen Forschung als ausgeschlossen. Aber als Schwarze Schwäne berücksichtigt die Nagra sie in ihren Analysen und Berechnungen trotzdem. Das Ziel: Die möglichst grosse und lange Sicherheit des Tiefenlagers.
«Sicher ist nur das Risiko»: Weil der Schwarze Schwan nicht ausgeschlossen werden kann, ist diese Aussage an sich richtig. Die Nagra versucht daher, jedem noch so kleinen Risiko Rechnung zu tragen, indem sie selbst unwahrscheinliche Szenarien in ihre Analysen einbezieht. So kann sie die Folgen eines möglichen Schwarzen Schwans rechnerisch abschätzen.
Kritikerinnen und Kritiker können der Nagra wertvolle Hinweise geben, sie auf mögliche blinde Flecken aufmerksam machen – auf Schwarze Schwäne eben. Der Grat zur blossen Behauptung ist allerdings ein schmaler. Was ist damit gemeint?
Hinter der Maxime «Sicher ist nur das Risiko» steht eine Überzeugung: Nur weil etwas noch nie passiert ist, heisst das nicht, dass es nicht passieren kann. Weil die Wissenschaft den Schwarzen Schwan nicht ausschliessen kann, können Skeptiker ihn behaupten, ohne ihn aber beweisen zu müssen. Es ist wie mit ausserirdischem Leben: Es in einem unendlichen Universum auszuschliessen, ist unmöglich. Also kann man Aliens behaupten, ohne Belege dafür liefern zu müssen.
Die Aussage «Alle Schwäne sind weiss» ist zwar mittlerweile widerlegt. Aber gerade deshalb ist sie wissenschaftlich: Sie kann an der beobachtbaren Wirklichkeit scheitern, indem ein schwarzer Schwan gesichtet wird. Die Widerlegbarkeit, auch Falsifikation genannt, ist das Kriterium für Wissenschaftlichkeit.
Die Aussagen «Es gibt Ausserirdische» oder «Es gibt rote Raben» sind hingegen nicht wissenschaftlich, weil sie nicht falsifizierbar sind. Die Existenz solcher Wesen kann eben nicht ausgeschlossen werden. So können sie stets behauptet werden, ohne jeglichen Beweis. Das ist unwissenschaftlich. Kritiker immunisieren sich damit gegen Kritik.
Ein Körnchen – möglicher – Wahrheit
In jeder Verschwörungserzählung steckt ein Schwarzer Schwan.
Zwei Beispiele: Über die Kondensstreifen von Flugzeugen werden «in Wahrheit» Chemikalien versprüht, um die Menschen zu manipulieren. Oder: Hinter den Anschlägen von 9/11 steckten «in Wahrheit» die USA selbst, um einen Vorwand zu schaffen für den Einmarsch in Afghanistan und Irak.
Auch wenn sehr vieles gegen solche Erzählungen spricht: Zu 100 Prozent können sie nicht widerlegt werden. Es gibt immer eine Restwahrscheinlichkeit, eine Art Restrisiko, worauf sich Verschwörungstheoretiker berufen können. So ziehen sie sich auf diese unangreifbare, weil unwiderlegbare Position zurück und fragen: «Beweise mir, dass es nicht so ist!»
Sie kehren also die Beweislast um. Nicht sie beweisen, dass es manipulierende Chemikalien in den Kondensstreifen hat – das zweifelnde Gegenüber soll beweisen, dass es keine hat. Das aber ist unmöglich: Etwas, das nicht ist, kann nicht bewiesen werden. Als ob jemand beweisen müsste, die Person X nicht bestohlen zu haben.
Nach bestmöglichem Wissen
«Alle Schwäne sind weiss»: Selbst Millionen beobachteter Schwäne reichen am Ende nicht aus als Beweis dafür, dass diese Aussage wahr ist. Ein einziger schwarzer Schwan genügt, um sie zu widerlegen.
Genauso ist es mit dem Tiefenlager für radioaktive Abfälle und der Gefahr, die von ihm ausgehen könnte. «Es gibt immer ein Risiko»: Diese Aussage ist zwar wahr, aber letztlich unwiderlegbar. Und vor allem hilft sie nicht weiter. Die gefährlichen Abfälle sind da, und es muss eine möglichst sichere Lösung dafür gefunden werden.
Immanuel Kants Grundfrage «Was kann ich wissen?» ist eben nicht die einzige. «Was soll ich tun?» ist eine weitere. Beim Umgang mit radioaktiven Abfällen geht es also auch um praktisches Handeln und Verantwortung – zum Beispiel gegenüber zukünftiger Generationen, nach bestmöglichem Wissen und Gewissen.
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