«Lieber Opalinuston, wir gratulieren dir!»


Tongesteine gelten in Fachkreisen eher als langweilig. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – erhielten diese den Award «Stein des Jahres 2025».

Langfristig ist das Gestein die wichtigste Barriere im Tiefenlager: Der Opalinuston schliesst den radioaktiven Abfall langfristig ein und sorgt für passive Sicherheit. Das Tongestein lagerte sich vor rund 170 Millionen Jahren ab. Und veränderte sich seither kaum. Deshalb gilt der Opalinuston unter Geologen als langweiliges Gestein.  

Ein Fachkuratorium unter der Leitung des Berufsverbandes Deutscher Geowissenschaftler e.V. (BDG) hat Ton zum Gestein des Jahres 2025 gekürt. Das ist bemerkenswert, da in Geologenkreisen dieses Sedimentgestein sonst als wenig aufregend, um nicht zu sagen langweilig, gilt. Damit hat sich der Opalinuston diese, mit einem Augenzwinkern geschriebene, Lobeshymne unseres Kollegen redlich verdient. Viel Spass beim Lesen: 

«Lieber Opalinuston, alter Freund – herzlichen Glückwunsch! 

Ich bin kein Wissenschaftler, und doch möchte ich dir heute gratulieren. Ton ist das Gestein des Jahres 2025. Das Baden-Württembergische Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau schreibt: «Auf den ersten Blick unscheinbar, ist Ton jedoch alles andere als eintönig.» Und auf welches Tongestein würde das besser zutreffen als auf dich, lieber Opalinuston? Seit über 170 Millionen Jahren liegst du verlässlich in der Tiefe des Schweizer Untergrunds – ruhig, und absolut relaxed. Aber wenn’s drauf ankommt, bist du da: stark, beständig und sicher. 

Wir kennen uns schon lange: Seit Jahrzehnten erforschen wir dich im Felslabor Mont Terri, in Universitäten, in Bohrungen, in Proben, die du uns überlässt. Mittlerweile kennen und verstehen wir dich, quasi in- und auswendig.  

Was dich auszeichnet, sind deine Superkräfte: Erstens: Du lässt kaum Wasser durch. Das mögen andere als stur bezeichnen – wir nennen es Zuverlässigkeit.
Zweitens: Wenn dich einmal ein Riss trifft, heilst du dich selbst. Du quillst, dehnst dich, schliesst die Wunde, als würdest du sagen: «Keine Sorge, das habe ich im Griff.»
Und drittens: Du bist bindungsfähig, du bindest zum Beispiel radioaktive Teilchen an dich. Du klebst sie an deine winzigen, elektrisch geladenen Plättchen und lässt sie einfach nicht mehr los. Genial! 

Das macht dich, lieber Freund, zum Herzstück des Schweizer Tiefenlagers. Du bist unsere natürliche Barriere, unser stiller Wächter unter der Erde. Während oben die Welt sich wandelt, bleibst du, was du immer warst: verlässlich, ruhig und unaufgeregt. 

Dabei begann deine Geschichte ganz bescheiden: Vor rund 170 Millionen Jahren, als feine Tonpartikel auf den Grund eines flachen Meeres sanken, das einst die Schweiz bedeckte. Schicht um Schicht, Jahrtausend um Jahrtausend, hast du dich aufgebaut. Dass aus diesem alten Meeresboden einmal ein essenzieller Teil des Schweizer Tiefenlagers werden würde – wer hätte das gedacht?

Und dein Name? Den verdankst du dem Ammoniten Leioceras opalinum, dessen schimmernde Fossilien dich schmücken. Vielleicht ist es kein Zufall, dass du ein bisschen wie ein Opal glänzt: unscheinbar von aussen, faszinierend im Innern. 

Also, lieber Opalinuston, Gratulation zum Titel «Gestein des Jahres 2025»! Du hast ihn dir redlich verdient. Auf die nächsten paar Millionen Jahre guter Zusammenarbeit – tief unten. 

Mit herzlichen Grüssen
dein Matthias von der Nagra»

Matthias Göbel ist der Social Media Manager der Nagra. Er schreibt das Editorial unseres monatlichen Newsletters, den «Nagra News».

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