Könnte ein Bergsturz wie in Blatten das Tiefenlager gefährden?


Der Bergsturz von Blatten ist eine grosse Tragödie, die einmal mehr zeigt: die Kräfte der Natur sind gewaltig. Nagra-Chefgeologe Tim Vietor sagt, wie wir uns diese Naturkräfte beim Tiefenlager zunutze machen können.

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Schaut man die Bilder an, läuft es einem kalt den Rücken runter: Die sonst so wunderschöne Natur, unsere Berge, auf die wir so stolz sind – sie hinterlassen am 28. Mai in Blatten im Wallis eine Schneise der Zerstörung. 

Nur aus der Vogelperspektive ist das ganze Ausmass des Bergsturzes zu überblicken. Viele Häuser und damit ganze Lebensentwürfe wurden in wenigen Minuten zunichtegemacht. 

Blick auf das Lötschental zwei Tage nach dem Bergsturz: Zunächst lösten sich Felsmassen vom Bietschhorn und drückten auf den Birchgletscher. Als dieser das Gewicht nicht mehr tragen konnte, donnerte die Schutt- und Eislawine auf das Dorf Blatten.
Der Berg löst sich: Nahaufnahme eines kleineren Abbruchs an der Flanke des Kleinen Nesthorns. Der Vorfall ereignete sich etwas mehr als eine Woche vor dem Bergsturz.
Das ganze Ausmass im Tal: Die Schuttmassen stauten die Lonza. Der Pegel stieg in den Tagen nach dem Bergsturz an und überflutete Häuser, die vom Bergsturz selbst verschont geblieben waren.

Überraschungen auch beim Tiefenlager? 

Es ist moderner Technik und der Expertise von Fachleuten zu verdanken, dass das Dorf frühzeitig evakuiert werden konnte. 

Dennoch: Klimawandel, auftauender Permafrost, Erosion – vermeintlich langwierige Prozesse, die ein Menschenleben eigentlich bei weitem überdauern, beschleunigen sich plötzlich. Und dann kommt die Nagra und sagt, dass ein geologisches Tiefenlager über hunderttausende von Jahren sicher sei. Wie passt das zusammen? 

Wir haben bei unserem Chefgeologen, Tim Vietor, nachgefragt. 

Tim Vietor, das Tiefenlager für unseren Atommüll wird zwar nicht in den Bergen gebaut. Es muss aber eine Zeit von hunderttausenden von Jahren überdauern. Da stellt sich die Frage: Kann ein Bergsturz wie jüngst in Blatten auch das Tiefenlager bedrohen?
Die kurze Antwort lautet nein. Mit dem Tiefenlager halten wir uns nämlich bewusst von den Bergen fern. Einfach gesagt: Die Schwerkraft gewinnt immer – alles, was oben ist, kommt wieder runter. Das passiert bei einem Bergsturz: Da donnert viel Masse von hoch oben ins Tal, daher die ungeheure Energie dahinter. Und weil das so ist, gehen wir mit dem Tiefenlager in flaches Gelände. Dort ist alles schon «heruntergekommen». 

Was unterscheidet die Geologie am Tiefenlagerstandort konkret von einem alpinen Hang wie in Blatten?
In den Alpen gibt es viele aktive Prozesse. Für das Tiefenlager wollen wir jedoch einen ruhig gelagerten Standort. Im Alpenvorland herrschen sanfte Hügel. Es kann hier auch Erdrutsche geben. Es passiert aber viel seltener und die Energie ist weitaus geringer als bei einem Bergsturz. Generell schreitet die Erosion langsamer voran als in den Bergen. Diese Prozesse sind über den langen Zeitraum auch nicht zu vernachlässigen. Wir können aber damit umgehen und das Tiefenlager schützen, indem wir es in mehr als 800 Metern Tiefe bauen.

Es geht um Prozesse wie zum Beispiel Gletschervorstösse: In Blatten wurde aber zusätzlich ein Fluss gestaut, es hat sich ein See gebildet. Was also, wenn sich über dem Tiefenlager dereinst nach einem Gletschervorstoss auch noch ein grosser Gletschersee bildet?
Solche Szenarien sind berücksichtigt. Ein Gletscher übt zwar Zusatzlast aus und kann einzelne Täler vertiefen, doch das Lager liegt deutlich tiefer als alle Seen der Schweiz. Bei der Zusatzlast durch einen Gletschersee über dem Lager verhält es sich genau gleich: Frühere Eiszeiten haben ähnliche Lasten ausgelöst. Das ist also schon mehrfach vorgekommen. Sogar ein flaches Meer hat einst die Nordschweiz überdeckt. Der Opalinuston, in welchem wir das Lager bauen, wurde dabei nie geschädigt. Er hat dem Druck stets standgehalten – ein gutes Indiz für künftige Stabilität.  

Tim Vietor ist Chefgeologe bei der Nagra.

In Blatten ist es zum Glück gelungen, das Dorf zu evakuieren. Doch nach wie vor werden wir von Naturereignissen überrascht. Wie kann die Nagra also behaupten, dass sie Prognosen über Hunderttausende von Jahren in die Zukunft treffen kann?
Wir stützen uns nicht auf Punktvorhersagen, sondern auf lange Datenreihen: geologische Archive, radiometrische Datierungen, seismische Statistiken. Daraus leiten wir konservative Obergrenzen für Erdbebenstärke, Erosionsraten oder Rutschungsgrössen ab und legen das Lager so aus, dass selbst diese Extremwerte keinen Schaden anrichten. 

Können Sie das genauer ausführen?
Wir haben die geologische Geschichte der letzten 300 Millionen Jahre der Nordschweiz erkundet. Der Opalinuston hat sich 175 Millionen Jahre lang kaum verändert. Daraus können wir schliessen, dass auch das Tiefenlager für die erforderliche Zeit sicher bleibt.  

Ich kann verstehen, dass solche Zeiträume schwer nachzuvollziehen sind. Für uns Geologen sind sie jedoch normal. Es ist daher wichtig, dass wir unsere Forschung verständlich kommunizieren.

Welche Lehren ziehen Sie und die Nagra aus Ereignissen wie dem Bergsturz von Blatten?
Ein direkter Vergleich ist schwierig. Doch wenn man die Gefährdung kennt, kann man ein geeignetes Sicherheitskonzept dazu entwerfen. Frühzeitiges, kontinuierliches Monitoring liefert sicher wertvolle Daten. In Stadel erheben unsere Messsystems heute schon Daten – lange bevor ein Tiefenlager gebaut wird. Da spielt moderne Technik eine wichtige Rolle. Sie wird beim Tiefenlager aber nie die geologischen Barrieren ersetzen. 

Was mir noch wichtig erscheint: Wenn wir über Naturereignisse wie in Blatten sprechen, dann sehen wir oft nur die Gefahren. Beim Tiefenlager ist es genau umgekehrt: Wir möchten die Vorteile der Natur – konkret der geologischen Prozesse – zu unserem Vorteil nutzen. Die Geologie ist unsere Chance: Sie hilft uns dabei, den Atommüll langfristig sicher zu entsorgen. 

Bilder: swisstopo / Nagra

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