Jahrhundertprojekt am Drachenberg: Die steilste Zahnradbahn der Welt am Pilatus wurde erneuert.

Jahrhundertprojekt am Drachenberg


Was lange währt, ist immer noch gut. Trotzdem muss auch die steilste Zahnradbahn der Welt irgendwann erneuert werden.

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Serie: Jahrhundertprojekte der Schweiz 

Die Schweiz kann Jahrhundertprojekte. Das ist spätestens seit dem Bau des Gotthardtunnels auf der ganzen Welt bekannt. Auch das Tiefenlager für unseren Atommüll ist ein Jahrhundertprojekt. Doch es gibt noch viele weitere. Kleinere, grössere, manchmal auch skurrile.

In dieser Serie stellen wir sie vor.

Den Auftakt macht: Das Jahrhundertprojekt am Drachenberg.

«Heute ist ein sehr guter Tag», sagt Tobias Thut. «Schon wieder 1’500 Gäste und es ist erst…», sein Blick wandert zur Uhr: «elf!»  

«Wir hatten nun oftmals einen Tagesdurchschnitt von 3’000 Gästen unter der Woche», erklärt der Marketingchef der Pilatus-Bahnen. Am Wochenende seien es bis zu 6’000 pro Tag. Nebst dem schönen Wetter sind es auch die neuen Triebwagen der steilsten Zahnradbahn der Welt, die die Massen in diesem Sommer nach Alpnachstad am Fusse des Pilatus locken.  

Die Erneuerung der Zahnradbahn ist für die Verantwortlichen der Pilatus-Bahnen eine grosse Sache. Kein Wunder also, nennen sie es mit Stolz: ihr Jahrhundertprojekt. 

Das Jahrhundertprojekt am Drachenberg im Video

Die Weichen stehen auf Zukunft  

«Fünf Jahre haben wir an diesem komplexen Projekt gearbeitet und wir sind sehr zufrieden», frohlockt Thut. «Das war der beste Juni aller Zeiten.»

Gästerekord also. Man könnte nun einwenden, das sei nicht verwunderlich, wurde doch die Kapazität erhöht und ein zeitgemässes Online-Buchungssystem eingeführt. Die höhere Effizienz war jedoch nur eine von vielen Vorgaben. Und weil der Zahn der Zeit auch an den Triebwagen nagte, musste ein grosser Teil der Infrastruktur erneuert werden.

Ein neuer Triebwagen fährt in die Talstation ein. Diese wurde bergseitig (links) ausgebaut.

Und eben: Es ist nicht irgendeine Bahn. Es ist die steilste Zahnradbahn der Welt. 48 Prozent Steigung an der steilsten Stelle. Diese Einzigartigkeit hat ihren Preis. Monetär: 55 Millionen Franken. «Die grösste Investition, die wir je getätigt haben.» Aber auch technisch: «Neue Triebwagen auf das alte Originaltrassee zu setzen, war eine grosse Herausforderung: Dieses Trassee ist 135 Jahre alt und die verwendete Technologie einmalig», erklärt Thut. 

Die neuen Triebwagen sollen die nächsten 50 Jahre Gäste auf den Drachenberg bringen. Das alles macht die Erneuerung der Zahnradbahn zu einem Jahrhundertprojekt. 

Mit Josef am Drachenberg 

Den Luzerner Hausberg umgeben viele Mythen und Legenden. So kam der Pilatus zu seinem Übernamen: Drachenberg. Marketingtechnisch ein Glücksfall. Was sich gut vermarkten lässt, interessiert unseren gutgelaunten Triebwagenführer Josef jedoch weniger. Er bestaunt lieber die Natur, zählt die Kehren der Wanderwege zum «hechä Bärg» und informiert seine Passagiere über die neue Technik. 

Der pensionierte SBB-Lokführer absolviert seine dritte und letzte Saison bei den Pilatus-Bahnen. «Mit den neuen Triebwagen wollte ich unbedingt noch fahren», sagt er stolz. «Danach höre ich auf. So passt es für mich.» Er staune, mit welch bescheidenen Mitteln die Strecke vor langer Zeit errichtet wurde.

Steil, steiler, Pilatusbahn: Blick auf den "Esel", einer der Gipfel des mythischen Pilatusmassivs. Rechts führt die Zahnradbahn hinunter nach Alpnachstad.

Eine Reise durch die Zeit 

Die Geschichte der Zahnradbahn ist tatsächlich beeindruckend: Erbaut wurde die etwas über viereinhalb Kilometer lange Strecke vor 135 Jahren in rekordverdächtigen 400 Tagen! Den enormen Steigungen von bis zu 48 Prozent waren die bis anhin bekannten Zahnstangensysteme nicht gewachsen. Der Ingenieur Eduard Locher konstruierte speziell für die Pilatusbahn ein System mit Doppelstangen. Gleisbett und Gleise sind grösstenteils noch original und gut erhalten. Gleiches gilt für die Fahrleitung, die aus dem Jahr 1936 stammt. Zuvor führten Dampftriebwagen die Passagiere auf den Berg. 

Erneuert wurden vor allem Stellen, die von Steinschlägen und Lawinen betroffen waren. Umso erstaunlicher, dass viele Tunnel und Mauern den rauen Gegebenheiten am Berg trotzten und auch nach so langer Zeit Spalier stehen, damit sich jetzt die neue Generation der Wagen 1633 Höhenmeter emporschlängeln können.

Apropos schlängeln: Schlangen und Mauereidechsen – letztere sind hier überall zu sehen – haben bei der Modernisierung im Tal einen neuen Unterschlupf gefunden. Das war eine Bedingung, damit die Talstation ausgebaut werden konnte.

Ein Jahrhundertprojekt ohne Umweltschutz? Undenkbar!

Tunnel, Mauern, Trassee, Fahrleitung: Viele Komponenten sind noch original erhalten.
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