«Wir wollen und brauchen Informationen»


Was erwartet Stadel, Weiach und Glattfelden mit dem Jahrhundertprojekt Tiefenlager? Am Donnerstagabend, 17. November, gab es an der Infoveranstaltung in Fisibach Antworten in Bezug auf die Liegenschaftspreise und den Umgang mit einer Grossbaustelle.

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Deutlich über 200 Bürgerinnen und Bürger sind der Einladung ins Ebianum-Baggermuseum nach Fisibach zum Informationsanlass der drei Gemeinden Weiach, Stadel und Glattfelden gefolgt. Angekündigt waren Referate eines Immobilienexperten sowie dem ehemaligen Gemeindepräsidenten von Tujetsch/GR.

Den Auftakt machten die drei Gemeindepräsidenten Stefan Arnold (Weiach), Dieter Schaltegger (Stadel) und Marco Dindo (Glattfelden). Letzterer stellte klar: «Wir wollen und brauchen Informationen. Und wir wollen gehört werden.»

«Die Arbeit ist jetzt zu machen», sagte Stefan Arnold. «Wir können den Bundesratsentscheid nicht abwarten», auch wenn man vielleicht hoffe, dass es dann doch noch anders komme. Er erzählte von einem internationalen Treffen von Gemeinden mit Nuklearanlagen, das letzte Woche in Wien stattgefunden hat. Er habe festgestellt, dass man im Ausland «grosses Interesse» am Schweizer Verfahren habe, daneben aber überall dieselben «Herkules-Aufgaben» warten würden. Eine davon sei die Schwierigkeit, junge Menschen für das Thema zu motivieren. «Es ist wichtig, dass man auch die zukünftigen Verantwortlichen frühzeitig mit an Bord nimmt.»

«Die Arbeit ist jetzt zu machen»: Stefan Arnold, Gemeindepräsident Weiach.

Preise sind weiter gestiegen
Sehnlichst erwartet wurden die Ausführungen von Jörg Schläpfer, Leiter Makroökonomie bei Wüest Partner AG zur aktuellen Lage auf dem Immobilienmarkt. Dieser besage, «dass kein klarer Effekt eines geologischen Tiefenlagers auf Immobilienpreise nachweisbar ist.» Auch seien zukünftig keine Preiseinbrüche zu erwarten. Ein Mann aus dem Publikum sah dies anders. Er habe sein Haus unter Wert verkaufen müssen und fügte an: «Langfristig denke ich, haben wir ein Problem.»

Referent Schläpfer betonte, dass die Preisentwicklung im Immobilienmarkt eine sehr dynamische Angelegenheit sei und viele Faktoren einen Einfluss hätten. Zur aktuellen Entwicklung in der Region präsentierte er folgende Zahlen: Im dritten Quartal 2022 lagen die Preise von Einfamilienhäusern und Eigentumswohnungen trotz dem Zinsanstieg höher als im ersten und zweiten Quartal 2022. In Glattfelden sind die Preise für ein Einfamilienhaus gegenüber 2010 um ganze 80 Prozent gestiegen. Die Preise würden also dem Zinsanstieg trotzen und selbst wenn es leichte Abschläge geben würde, sei über längere Sicht ein deutlicher Anstieg der Immobilienpreise zu sehen.

Meinungen gingen auseinander
Es gab aber auch negative Aspekte zu hören. Nämlich, wenn man das Tiefenlager mit Kernkraftwerken vergleiche. «Zu sehen sind Preisabschläge in Abhängigkeit zur Distanz eines Kernkraftwerks», sagte Schläpfer. Befinde sich ein Einfamilienhaus nur 1 Kilometer von einem Kernkraftwerk entfernt, so könne der Preisabschlag 10 Prozent betragen. In der Entfernung von 5 Kilometern betrage der Preisabschlag rund 5 Prozent und ab einer Distanz von 20 Kilometern seien keine Effekte mehr erkennbar.

Diesen Vergleich akzeptierten nicht alle Anwesenden. Ein Votum lautete, dass man dies doch gar nicht vergleichen könne. Schläpfer antwortete, dass ein Eins-zu-Eins-Vergleich womöglich unzulässig sei. Doch empfände er es als seine Aufgabe, «dass wir Ihnen das Bestmögliche von dem, was wir eruieren können, auch wiedergeben». Man habe versucht, die Daten zu verwenden, die am ehesten einen Hinweis auf die Entwicklung der Preise ergeben könne. Daher blieb er auch bei seinem Fazit der Gesamtlage: «Wir sehen in Glattfelden, Stadel und Weiach einen vielversprechenden Immobilienmarkt.»

«Bei uns war die Geologie schlecht»
Die Stimmung heiterte sich beim zweiten Referenten auf, der mit seinem Humor und seinem Dialekt punkten konnte. Placi Berther beschrieb das Leben mit einer Grossbaustelle in der eigenen Gemeinde. Er war zwölf Jahre Gemeindepräsident von Tujetsch mit Hauptort Sedrun. Dort war von 1996 bis 2016 die NEAT-Grossbaustelle «Zwischenangriff Sedrun» platziert. Ein Teilabschnitt des Gotthard-Basistunnels.

«Wir haben auch nicht Ja oder Nein gesagt im Voraus zum Projekt», sagte Berther. «Bei uns war auch die Geologie entscheidend, aber bei uns war sie schlecht. Das ist wohl der grosse Unterschied zu Ihnen», so der Bündner. Er zeigte seine Eindrücke in vielen Bildern und zeigte auf, wie seine Gemeinde seinerzeit versuchte, einen hohen wirtschaftlichen Nutzen bei gleichzeitig möglichst minimalem Eingriff in Landschaft und Natur zu verursachen.

Berther schloss, dass er aus der Presse einen guten Eindruck der Gemeinden und ihrer Vertreter erhalten habe. Er habe ein gutes Gefühl und zollte den Anwesenden «grossen Respekt, für diese nationale Aufgabe, die Sie hier übernehmen». Er wünschte «viel Erfolg» und gab mit auf den Weg, dass man den Stolz nicht vergessen dürfe.

Interview mit Placi Berther

«Wir waren die Pionierbaustelle»


Mit Placi Berther haben wir ein ausführliches Interview geführt, wie er als Gemeindepräsident mit der Herausforderung Grossprojekt umgegangen ist.

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