2120, 2115: Die Treffer liegen nahe am Datum, von dem die Nagra aktuell ausgeht: Nach einer 50-jährigen Beobachtungsphase soll das Tiefenlager im Jahr 2127 verschlossen werden. Vielleicht jedenfalls. Dazu später mehr.
Ein gutes Dutzend Kunstinteressierte verfolgt die Kunstperformance, zu der auch die Nagra eingeladen wurde. Die Bogenschützin – zugleich Jules Spinatschs Assistentin – betreibt Bogenschiessen als Hobby. Vor dem Schuss wärmt sie Muskeln und Gelenke auf. Es sind gröbere Kräfte im Spiel, man kann sich gut vorstellen, welchen Schaden ein solcher Pfeil anrichten kann.
Thema verlange nach künstlerischer Auseinandersetzung
Währenddessen hält Spinatsch eine Ansprache: Er erklärt den Anwesenden, dass das Tiefenlager aus seiner Sicht nicht nur eine technisch-wissenschaftliche Angelegenheit sei, sondern auch eine gesellschaftliche. Das verlange nach einer künstlerischen Auseinandersetzung.
Mit der Aktion nimmt er im wahrsten Sinne des Wortes die Zeitpläne der Nagra ins Visier, die sich in der Vergangenheit schon mehrmals als zu ambitioniert erwiesen und angepasst werden mussten.
Es geht ihm auch um Prognosen für die Zukunft, die die Nagra machen muss, und die bis zu einer Million Jahre reichen. Spinatsch interessiert sich für die Visualisierungen des Tiefenlagers, für die Kommunikation darüber, und die Farben, die in der Kommunikation verwendet werden. Und er stellt die Frage: Wie kann das Lager für zukünftige Generationen markiert und das Wissen darüber bewahrt werden?
Theorie und Praxis
Er setzt sich aber nicht nur theoretisch mit dieser Frage auseinander, sondern steuert selbst einen Teil zu einer Antwort bei: Er hat den «World Nuclear Waste Day» ins Leben gerufen und dessen Gründung im Jahr 2023 an einer Konferenz der Internationalen Atomenergieagentur IAEA verkündet.
Spinatsch will nun jedes Jahr am 14. September eine Wanderung in den Haberstal in Stadel durchführen, an den Ort also, wo die Oberflächenanlage für das Tiefenlager gebaut werden soll. Und diese Wanderung will er jeweils mit einer Kunstaktion kombinieren: dieses Jahr mit einer Pfeilbogenperformance. Der «World Nuclear Waste Day» soll so oft wiederholt werden, bis er zum Ritual wird, zur Tradition – und so die Erinnerung an das Tiefenlager lebendig halten.
Das generationenübergreifende Kunstprojekt trägt den Namen «Infinity Obsoleum». Generationenübergreifend ist es einerseits, weil es noch so lange dauert, bis das Lager verschlossen wird, andererseits, weil Spinatsch auch seine Tochter Luna bereits in das Projekt involviert: Sie taucht in den Fotos der jeweiligen Kunstaktionen auf, und Spinatsch will ihr das Projekt einmal vererben, wobei es der Tochter offenstehe, ob sie das Projekt weiterführe oder nicht.
Seit über zehn Jahren setzt sich Spinatsch künstlerisch mit Atomenergie und der Entsorgung auseinander. Für seine «nuklearen» Arbeiten «Asynchronous I – X» hat er 2013 den Greenpeace/Du Magazine Award und 2014 den Swiss Art Award gewonnen.
Dann zischen die Pfeile durch die Luft. Spinatsch, auch bekannt als Fotokünstler, hält die Kamera drauf. Zwei Pfeile treffen das geplante, oder zumindest potenzielle Verschlussdatum fast genau. Ein Pfeil streift die Scheibe am Rand, einer verfehlt die Zielscheibe.
Annahmen versus Prognosen
Doch wann wird das Lager nun tatsächlich verschlossen? Genaugenommen lässt sich das heute noch nicht mit Sicherheit sagen. Über den Verschlusszeitpunkt entscheidet dereinst der Bundesrat. Wenn er denkt, dass die Zeit für den Verschluss reif ist, muss die Nagra das Lager verschliessen. Doch weil die Nagra von einem Datum ausgehen muss, plant sie mit einem Szenario von 50 Jahren Beobachtungsphase und einem Verschluss im Jahr 2127. Doch das sind Annahmen, keine exakten Prognosen. Genauere Prognosen als die Bogenschützin kann auch die Nagra nicht liefern. Zumindest nicht, was das Verschlussdatum betrifft.
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