Deshalb werden Millionen Tonnen Gestein vom Gotthard in den Urnersee gekippt


Dinge, die nicht dahin gehören – oder doch? Was Gotthard-Gestein im Urnersee und Opalinuston auf der Göscheneralp zu suchen hat, erklärt der zweite Teil unserer Gotthard-Serie.

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Serie: Jahrhundertprojekte der Schweiz

Die Schweiz kann Jahrhundertprojekte. Das ist spätestens seit dem Bau des Gotthardtunnels auf der ganzen Welt bekannt. Auch das Tiefenlager für unseren Atommüll ist ein Jahrhundertprojekt. Doch es gibt noch viele weitere. Kleinere, grössere, manchmal auch skurrile. In dieser Serie stellen wir sie vor.

Heute beleuchten wir einige der sogenannten Ausgleichsmassnahmen der Baustelle «Zweite Röhre Gotthard».  

Aktualisiert: 16.07.2025

Die Zeiten, als Ausbruchmaterial am erstbesten Ort beim Tunneleingang aufgeschüttet wurde, sind lange vorbei. Grosse Bauwerke haben unvermeidlich Auswirkungen auf die Umwelt. Sogenannte Ausgleichsmassnahmen sorgen dafür, dass an anderen Orten die Natur aufgewertet wird. Zum Beispiel im Urnersee oder auf der Göscheneralp, wie das Beispiel der zweiten Röhre am Gotthard zeigt.

Vergangene Fehler wiedergutmachen

«Etwa drei Züge pro Tag sind für die Seeschüttung vorgesehen», sagt Fredy Furger, der uns das Infozentrum Zweite Röhre in Göschenen vorstellt. Doch warum kippt man das Gestein aus dem Gotthard in den Urnersee?

Durch die Seeschüttung entstehen Flachwasserzonen, von denen Tiere und Pflanzen profitieren. Schon früher beherbergte das Reussdelta solche Zonen. Kiesabbau und die Kanalisierung der Reuss liessen jedoch diese Lebensräume zu Beginn des letzten Jahrhunderts verschwinden. Nun soll der Zustand aus dem Jahr 1913 wiederhergestellt werden.

Schon seit 2003 wird Ausbruchmaterial – damals unter anderem vom Gotthard-Basistunnel – verwendet, um Flachwasserzonen und neue Inselgruppen zu gestalten. Die Renaturierung zeigt Wirkung: Eine Langzeitkontrolle belegt eine gesteigerte Biodiversität. Ausführliche Details zum Projekt finden sich auf der Website «Seeschüttung Urnersee».

Im Oktober 2024 gings los: Flachwasserzonen in der Grösse von rund zehn Fussballfeldern sollten durch die Seeschüttungen entstehen. Schon zum Start der Schüttungen war man sich den Herausforderungen bewusst. Damals sagte der Leiter des Amts für Umwelt im Kanton Uri gegenüber SRF: «Hier muss man aufpassen, dass sich das Arsen nicht im Wasser freisetzt.»  

Und tatsächlich: Im Dezember 2024 wird publik, dass sich giftiges Arsen im Ausbruchmaterial des Gotthards befindet – und zum Teil auch bereits in den Urnersee geschüttet wurde. Darüber berichtete die Rundschau von SRF. 

Schliesslich wurde die Schüttung von belastetem Material in den See gestoppt. Nur noch arsenfreies Aushubmaterial wird für die Seeschüttung verwendet. Doch wo kommt der belastete Aushub hin? 

Der Urnersee von oben: Frühere Seeschüttungen haben neue Inseln und Flachwasserzonen erschaffen.

Für andere Verwendungen geeignet

Fast zwei Millionen Tonnen des Gotthard-Ausbruchmaterials waren schon von Beginn weg für das Tessin vorgesehen: Für die Geländemodellierung und Überdeckung der A2 in Airolo – einer weiteren Ausgleichsmassnahme. Das belastete Material dient auch weiterhin diesem Zweck. Die Gemeinde Airolo und der Kanton Tessin zeigten sich damit einverstanden.

Auch die Politik schaltete sich ein. Die Tessiner Nationalrätin Greta Gysin von den Grünen forderte in einer Interpellation Antworten vom Bundesrat. Dieser schrieb, dass für jedes betroffene Gebiet einzelne Umweltverträglichkeitsprüfungen durchgeführt wurden und dass «Untersuchungen und Analysen gezeigt haben, dass weder kurz- noch langfristig eine Gefahr für Mensch und Umwelt besteht».  

Das im Gotthardmassiv natürlich vorkommende Arsen könne die Umwelt nur dann gefährden, wenn es im Wasser gelöst werde. Aus diesem Grund ist es für die Seeschüttung nicht geeignet, für die vorgesehenen Bauten in Airolo aber schon. 

Die Seeschüttung im Urnersee geht derweil weiter – unter strengen Vorgaben und Schutzmassnahmen, damit alle Grenzwerte eingehalten werden.

Talsperre beim Göscheneralpsee.

Perle Göscheneralp

Eine weitere Ausgleichsmassnahme stellt die «Landschaftsentwicklung Göscheneralptal» dar. Das Tal ist ein beliebtes Ausflugsziel für Wanderlustige und Kletterbegeisterte. «Eine Perle», wie sie der Göschener Gemeindepräsident Peter Tresch im Interview nennt. Das Tal führt von Göschenen über die Göscheneralp bis zum Göscheneralpsee. «Aus meiner Sicht die schönste Talsperre, die es gibt», schwärmt Tresch.

Fun fact für Jahrhundertprojektkenner: Der Kern des Staudamms auf der Göscheneralp besteht aus Opalinuston. Dieser stammt jedoch nicht aus dem Gotthard, sondern aus der Nordschweiz. In diesem Tongestein wird das Schweizer Tiefenlager gebaut. Es ist bekannt für seine abdichtenden Eigenschaften – diese wurden ganz offensichtlich schon beim Bau des Staudamms im Jahr 1955 geschätzt.

Der erste Teil unserer Mini-Serie zur Gotthard-Baustelle
Stau(b) am Gotthard
Stau(b) am Gotthard

Heute vor zwei Jahren erfolgte der Spatenstich zur Zweiten Röhre. Was sind die Folgen dieser Grossbaustelle für Göschenen? Wir haben das Tor zum Süden besucht.

Warum nicht in Göschenen selbst?

Die Baustelle in Göschenen hat Auswirkungen auf das Ortsbild und die Umwelt. Weil sich unmittelbar in Baustellennähe keine geeigneten Ausgleichsmassnahmen anbieten, werden diese auf das Göscheneralptal ausgelagert. Das wilde Seitental begeistert durch Moorlandschaft, Auengebiete und zahlreiche seltene Tier- und Pflanzenarten.

Die Göscheneralp dient als Naherholungsgebiet für die Göschener selbst, und hat gleichzeitig eine touristische Bedeutung, wenn auch eine kleine: «Was die Wertschöpfung angeht, schaut wenig für uns heraus», sagt Gemeindepräsident Tresch. Es ist eine Gratwanderung: Massentourismus und Umweltschutz vertragen sich schlecht. Die Kapazitäten der Göscheneralp sind bereits am Anschlag.

Die ökologische Aufwertung im Göscheneralptal kostet fast 1,5 Millionen Franken. Knapp 950’000 Franken davon übernimmt das ASTRA, das Bundesamt für Strassen, das für die Zweite Röhre am Gotthard verantwortlich ist. Die Restkosten von knapp einer halben Million trägt der Kanton Uri.

Konkret gefördert werden seltene Tier- und Pflanzenarten, zum Beispiel Orchideen, Alpenlangohr-Fledermäuse und Braunkehlchen. Auch Wanderwege und Fliessgewässer sollen aufgewertet werden. Das Ziel: Die «Perle» Göscheneralp soll wieder in vollem Glanz erstrahlen.

Der Göscheneralpsee zeigt sich von seiner schönsten Seite.
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