Am Gotthard steht die Tunnelbohrmaschine still – kann das auch beim Tiefenlager passieren?


Die Tunnelbohrmaschine am Gotthard-Südportal steht still. Der Grund: Probleme mit dem Gestein. Kann das auch beim Tiefenlager passieren? Unser Tunnelbauingenieur Thorsten Steils hat die Antworten.

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Der Bau der zweiten Gotthard-Tunnelröhre stockt. Das zeigen SRF-Recherchen. Die liebevoll «Paulina» genannte Tunnelbohrmaschine am Südportal steht seit knapp drei Wochen still, weil das Gestein zu brüchig ist. Begonnen hatten die Ausbrucharbeiten im Februar 2025. 

Mit Überraschungen müsse man im Tunnelbau immer rechnen, sagte das zuständige Bundesamt für Strassen (ASTRA) gegenüber SRF. «Das würde ich so unterschreiben», sagt Nagra-Tunnelbauingenieur Thorsten Steils. «Der Untertagebau ist risikobehaftet, das muss man ganz ehrlich sagen.» 

Dennoch: Einen Kilometer weit hätte «Paulina» bis heute kommen sollen. Stattdessen steht sie nun nach weniger als 200 Metern still. Das führt zu Verzögerungen – und wirft die Frage auf: Was, wenn die Tunnelbohrmaschine dereinst beim Bau des Tiefenlagers steckenbleibt? 

Aufbau der Tunnelbohrmaschine «Paulina» in Airolo.

Risiken beim Schachtbau sind grösser

«Wir können das natürlich nicht zu 100 Prozent ausschliessen», gibt Thorsten Steils zu. Es gebe aber einen grossen Unterschied: die Geologie. «Im Gotthardmassiv gibt es viele Störungen. Da herrscht Tektonik – das ist die Kraft, welche die Alpen bildete. Wir hingegen sind beim Lagerausbau nur in einem einzigen Gestein unterwegs: im Opalinuston.» Dieses Tongestein wurde ausgewählt, weil es hervorragende Eigenschaften hat, um die radioaktiven Abfälle langfristig einzuschliessen.

Am Gotthard müssen sich Mensch und Maschine durch viele unterschiedliche Gesteinsschichten und Störungen arbeiten. Nicht so beim Tiefenlagerbau. «Den Störungen gehen wir ganz bewusst aus dem Weg, weil wir dort keine radioaktiven Abfälle einlagern wollen», sagt Steils.

Ein weiteres Plus sei, dass die Nagra den Untergrund von Nördlich Lägern sehr gut kenne: «Da wurden und werden keine Mühen gescheut, um die Situation genaustens zu untersuchen.» Zudem werde dereinst ein Testbereich eingerichtet, in dem noch vor dem eigentlichen Tunnelbau alles gründlich erprobt werde. «Daher rechne ich nicht damit, dass eine Tunnelbohrmaschine im Opalinuston stillstehen wird.»

Und falls doch? «Dann würde man die Maschine bergen. Man muss allerdings sagen: Grösser sind die Risiken bei unserem Tiefenlagerprojekt beim Schachtbau», sagt Steils. Der Grund: Es wird vertikal durch viele verschiedene Schichten gebaut. Auch da würden Erkundungsbohrungen helfen, die Situation vor Ort besser zu verstehen. «Trotzdem müssen wir während des Baus mit Herausforderungen rechnen.  Das lässt sich nicht vermeiden und gehört zum Schachtbau dazu.»

«Der Untertagebau ist risikobehaftet», das muss man ganz ehrlich sagen: Nagra-Tunnelbauingenieur Thorsten Steils.

Wie weiter?

Das ASTRA führt nun Sondierbohrungen durch, um das Problem zu lösen. Und bahnt sich seinen Weg durch den Gotthard auf konventionelle Art. Das bedeutet: Es wird gesprengt.

Das mag für die zweite Röhre eine valable Alternative sein. Doch beim Tiefenlager geht es darum, das Gestein bestmöglich zu schützen. Da kann Sprengen unmöglich eine Lösung sein. Oder?

«Doch, Sprengen gilt auch beim Tiefenlagerbau als eine mögliche Vortriebsmethode», erklärt Thorsten Steils. «Genauso wie die Arbeit mit einer Teilschnittmaschine.»

Eine Teilschnittmaschine ist kleiner als eine Tunnelbohrmaschine und arbeitet sich mit einer Art Fräskopf durch das Gestein.

Welche dieser drei Varianten beim Tiefenlagerbau zum Einsatz kommt, ist noch nicht festgelegt. Thorsten Steils: «Wir werden darauf achten, dass wir möglichst sicher und gebirgsschonend unterwegs sind.»

«Paulinas» Schwester «Alessandra» arbeitet sich von Göschenen her in den Berg hinein.

Bilder: ASTRA, Nicola Demaldi, David Schweizer

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